Beikostprodukte auf Milchbasis
Die
Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und
Jugendmedizin hat zum Einsatz von Kuhmilch und Kuhmilchprodukten sowie von
milchhaltiger Beikost Stellung genommen (1). Bis zum Ende des ersten
Lebensjahres soll mindestens eine Milchmahlzeit pro Tag gegeben werden, die aus
Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrung besteht (2,3). In den ersten 10 bis 12
Lebensmonaten wird die Verwendung handelsüblicher Trinkmilch nicht empfohlen
(4,5), vor allem weil Trinkmilch einen niedrigen Eisengehalt hat, die Resorption
von Nichthämeisen auch aus anderen Lebensmitteln behindert, und bei Säuglingen
gehäuft okkulte Blutverluste im Stuhl induziert (6 8). Vorläufige, bisher nur in
Abstractform mitgeteilte Beobachtungen weisen darauf hin, dass die
Eisenversorgung im zweiten Lebenshabjahr nicht nur durch Trinkmilch, sondern in
gleicher Weise auch durch fermentierte Milchprodukte beeinträchtigt werden kann
(9). Auch hinsichtlich der Zufuhr anderer Nährstoffe ist Trinkmilch für die
Säuglingsernährung insgesamt deutlich ungünstiger als Muttermilch oder
Säuglingsmilchnahrungen, u. a. ist der Proteingehalt der Kuhmilch mehrfach höher
als in der Muttermilch.
Mit der
Beikost erhält der Säugling im 2. Lebenshalbjahr einen Getreide Milch Brei mit
ca. 200 ml Milch/Tag, der selbst zubereitet oder industriell hergestellt
(Trockenprodukte, Gläschenkost) sein kann. Ein zusätzliches Angebot von Milch
und Milchprodukten (z. B. Joghurt, Quark) mit der Beikost ist nicht erwünscht,
denn im 2. Lebenshalbjahr wird mit der derzeitigen Ernährungspraxis bereits eine
weit über dem Bedarf (10) liegende Eiweißzufuhr bis zu täglich 5g/kg
Körpergewicht und mehr erreicht (11 13).
Ein
zusätzlicher Verzehr von Milch und Milchprodukten würde zu einer weiteren
Erhöhung der Eiweißzufuhr führen, die keinen Nutzen hat, aber vermeidbare renale
und metabolische Belastungen mit sich bringt. Eine den Bedarf überschreitende
Eiweißzufuhr erfordert eine Steigerung der renalen Harnstoffausscheidung. Bei
Erwachsenen führte eine mäßige Steigerung der Eiweißzufuhr zu einem adaptiven
Anstieg der glomerulären Filtrationsrate (GFR) und der Nierengröße (14,15). Die
potentielle renale Molenlast der Kuhmilch ist mit 46 mosm/100 kcal mehr als
dreimal so hoch als bei Muttermilch (14 mosm/100 kcal) und etwa doppelt so hoch
wie bei üblichen Beikostprodukten (23 mosm/100 kcal) und Säuglingsmilchnahrungen
(20 39 mosm/100 kcal), so dass für eine ausgeglichene Wasserbilanz eine höhere
Flüssigkeitszufuhr erforderlich werden kann (16). Eine hohe Proteinzufuhr im
Säuglingsalter erhöht die Konzentrationen zirkulierender Aminosäuren und
stimuliert die Insulinsekretion (17). Epidemiologische Studien zeigten eine
Assoziation zwischen hoher Eiweißzufuhr im Säuglings und Kleinkindalter und
einem erhöhtem Adipositasrisiko im späteren Lebensalter (18 20). Als
zugrundeliegender Mechanismus wird eine durch Protein stimulierte IGF 1
Sekretion mit Auswirkungen auf das Gewebewachstum diskutiert. Diese Hypothesen
lassen sich mit der Beobachtung vereinbaren, dass gestillte Kinder im späteren
Alter ein niedrigeres Adipositasrisiko aufweisen als flaschenernährte Kinder,
die eine höhere Eiweißzufuhr erhalten . Vergleichbare Effekte wurden in
experimentellen Untersuchungen beobachtet . Zudem verdrängt in der Praxis der
Säuglingsernährung ein übermäßiger Verzehr von Milch und Milchprodukten andere,
vollwertige Beikostmahlzeiten mit hohen Gehalten von Kohlenhydraten und anderen
erwünschten Bestandteilen und beeinträchtigt somit die Qualität der
Nährstoffzufuhr.
Insgesamt ergibt sich also durch reichlichen Verzehr von Milch und
Milchprodukten im Säuglingsalter kein Vorteil, aber es besteht begründete
Besorgnis über mögliche Nachteile.
Produktangebot
In
jüngerer Zeit werden neue Formen von verzehrfertigen Beikostprodukten angeboten,
die als wesentlichen Bestandteil Kuhmilch und Kuhmilchprodukte enthalten und zum
Einsatz schon ab dem 7. bzw. 8. Monat als Zwischenmahlzeit oder als "Dessert"
ausgewiesen werden. Produkte mit Bezeichnungen wie "Joghurt Töpfchen", "Quark
Töpfchen", "Früchte Duett" (mit Joghurt bzw. Quarkcreme) oder "Frucht und
Joghurt" (bzw. Quark) enthalten zu je etwa einem Drittel Joghurt bzw. eine Milch
Quarkmischung und Früchte verschiedener Art, mit einem hohen Proteingehalt von
bis zu 3 g pro 100 g Produkt. "Pudding" bzw. "Dessert" enthalten weit
überwiegend Kuhmilch. "Meine ersten Fruchtzwerge" sind Frischkäseprodukte mit
sehr hohem Gehalt an Eiweiß (4,3 g/100g), Fett (4,7 g/100g), Zucker (14,8 g/100
g) und Energie (133 kcal/100g).
Ein
Einsatz von proteinreichen Beikostprodukten ist in der Säuglingsernährung
überflüssig und nicht erwünscht. Zwischenmahlzeiten sollten bevorzugt aus Obst
und Getreide oder Getreideprodukten bestehen. Sie werden beim Übergang auf die
Familienernährung gegen Ende des 1. Lebensjahres eingeführt .
In der
Familienernährung kann die Milch mit Beginn des 2. Lebensjahres in Form von
handelsüblicher pasteurisierter Trinkmilch oder ultrahocherhitzter (H )Milch, z.
B. als Getränk im Rahmen von Brotmahlzeiten, gegeben werden. Ein Austausch im
Verhältnis 1 : 1 gegen Joghurt ist möglich. Quark ist aufgrund des relativ hohen
Eiweiß und Caseingehaltes und des niedrigen Calciumgehaltes nicht zu empfehlen.
Empfehlung:
Die
Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und
Jugendmedizin spricht sich dafür aus, Kuhmilch und Kuhmilchprodukte im ersten
Lebensjahr nur in sehr begrenztem Umfang und in denaturierter (erhitzter) Form
im Rahmen eines Getreide Milch Breis einzusetzen. Eine Einführung weiterer
milchhaltiger Beikost wird nicht empfohlen.
Anschrift für die Verfasser:
Univ.
Prof. Dr. Berthold Koletzko
Dr. von
Haunersches Kinderspital der Universität München
Lindwurmstrasse 4, D 80336 München
Fax:
089 - 5160 3336
E-mail:
Claudia.Wellbrock@med.uni-muenchen.de
Literatur
Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und
Jugendmedizin: Hans Josef Böhles, Jobst Henker, Mathilde Kersting, Berthold
Koletzko (Vorsitzender), Michael J. Lentze, Reinhard Maaser, Friedrich Manz,
Frank Pohlandt, Hildegard Przyrembel (Gast). Beikostprodukte auf Milchbasis.
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