Annalenas Begegnung mit Beikost
Annelena saß in ihrem Hochstuhl, am ersten Tag ihres siebten Lebensmonats,
und wusste wohl so gar nicht, was ihr das widerfuhr. Feierlich hatte ich ihr ein
Lätzchen umgebunden und rührte nun einen Esslöffel glückliches Pastinaken-Muss
durch den Warmhalte-Teller. Ich war froh, dass es nun endlich los ging mit dem
Thema Beikost, denn in den Wochen zuvor hatte ich mich gut vorbereitet und dem
Ganzen in etwa die Bedeutung einer Einschulung beigemessen. In meinen Augen war
Annalena auch reif. Sie hatte bereits zwei Wochen zuvor schnell hintereinander
krabbeln und sitzen gelernt und war an allem interessiert. So auch an unserem
Essen, bildete ich mir ein. Außerdem wollte ich den Beginn endlich hinter mich
bringen. Ich hatte Stunden damit verbracht mir zu überlegen, was ich denn
sinnvoll als erstes Nahrungsmittel einführen und in welcher Reihenfolge ich dann
weiter verfahren würde. Natürlich wollte ich Annalena ausreichend Zeit lassen,
sich an die feste Nahrung zu gewöhnen. So peu à peu würde ich eine Mahlzeit nach
der anderen ersetzen, und nach meinem ausgeklügelten Zeitplan würden wir dann –
einer Punktlandung gleich – am ersten Geburtstag abgestillt haben.
Annalena reagierte mit verhaltener Begeisterung auf die Pastinaken, aber in
der ersten Woche war sie noch relativ gnädig. Bis zu ihrem ersten Geburtstag –
ich erspare Euch Einzelheiten – war es mir gelungen, in zwei Tagen verteilt auf
je drei Mahlzeiten insgesamt ein Gläschen Obstbrei zu verfüttern. Ansonsten
stillten wir unverdrossen; ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ganz ohne
Fläschchen auskommen zu wollen (und vor allem ohne Pulvermilch). Wegen der
großen Mengen war ich längst von meinem Vorsatz selber zu kochen abgerückt. Nur
den Firmen Hipp und Co. zeigte ich nach wie vor die kalte Schulter. Was war
passiert? Ich hatte keine Ahnung. Zwischendurch war die Kleine ganz verrückt
nach Obst-Getreide-Brei, aber dass waren immer sehr kurze Phasen. Jede Kartoffel
war ein Affront (und ist es noch heute). Fingerfood war uninteressant. Das Essen
anderer Kinder in Krabbelgruppen auch. Mein Tageskind mampfte Annalena auch
zweimal pro Woche etwas vor – meine Tochter blieb unbeeindruckt.
Bis heute ist es so, dass Essen keine große Rolle in ihrem Leben spielt (das
kann sie nicht von mir haben), und ich weiß nicht, warum. Zum Glück war es nie
so, dass ich mir Sorgen um ihr Gewicht oder ihr Gedeihen machen musste, aber
dennoch war und ist das Thema Essen für uns nervig. Nach wie vor biete ich ihr
regelmäßig über den Tag verteilt etwas an, um ihr bei ihrer Bitte nach
Gestilltwerden zuvor zu kommen. Das führt dazu, dass ich quasi ständig frage, ob
sie etwas essen oder trinken will. Ich weiß das, kann es aber schlecht
abstellen. Natürlich isst sie inzwischen mehr als ein Gläschen an zwei Tagen
(mengenmäßig, meine ich), aber viel ist es eben immer noch nicht. Dabei spielt
es auch keine Rolle, wie das Essen präsentiert wird.
Rückblickend glaube ich, dass Annalena eben mit sechs Monaten keineswegs
bereit für Beikost war. Und obwohl wir nie Druck ausgeübt haben, hat sie
natürlich begriffen, dass Essen für uns eine Rolle spielt und dass wir nicht
immer ein Musterbeispiel an Gelassenheit sind. Vielleicht war sie gerade zu sehr
mit ihrer flotten motorischen Entwicklung beschäftigt. Zwar war sie interessiert
an allem, was wir taten, aber es machte eigentlich keinen Unterschied, ob wir
aßen oder telefonierten. Unsere „Probleme“ sind meiner Meinung nach also
hausgemacht. Ich bemühe mich wirklich darauf zu vertrauen, dass sie schon essen
und auch irgendwann abstillen wird, aber es gelingt mir nicht immer. Dass Essen
Spaß macht, hat Annalena, so fürchte ich, bis heute nicht wirklich gelernt.
Beim nächsten Kind würde ich den Kalender komplett vergessen und einfach nach
Gefühl handeln. Vor allem würde ich mehr auf die Signale schauen, die mein Kind
mir sendet. Ich werde berichten, ob ich mit dieser Methode dann zu mehr
Gelassenheit finde.
Bianca, Oktober 2003