Triple P – Kritisch betrachtet
Schon seit einiger Zeit bemängeln
Erziehungsexperten, dass vielen Eltern die Kompetenz fehle, ihre
Kinder richtig und gut zu erziehen. Verantwortlich dafür könnte
sein, dass die meisten Erwachsenen Alltag mit Kindern kaum
kennen – erst dann, wenn sie selbst Kinder haben, ändert sich
das. Früher wuchsen die Kinder im Rahmen von Großfamilien auf.
Ältere Geschwister, jüngere Onkel und Tanten übernahmen
Erziehungs- und Betreuungsaufgaben und wuchsen so allmählich in
die Rolle der späteren Eltern hinein. Manche fordern gar einen
"Elternführerschein", ohne den es keine finanzielle
Unterstützung vom Staat geben solle. Aber auch viele Eltern
fühlen sich überfordert: Sie wollen anders erziehen als die
ältere Generation, antiautoritär soll es aber auch nicht sein.
Den goldenen Mittelweg zu finden, erweist sich aber im
Familienalltag oft als schwer. So ist es also kein Wunder, dass
Elternkurse immer beliebter werden. Sie werden angeboten von den
Kirchen, Volkshochschulen, Familienbildungsstätten.
Bekannt
sind hierbei der Kurs "Starke Eltern – starke Kinder" des
Deutschen Kinderschutzbundes und Triple P (das steht für
"Positive Parenting Program"). Um letzteren soll es hier gehen,
denn die dort vermittelten Methoden sind nicht unumstritten.
I. Was ist Triple P?
I.I. Ursprünge
"'Triple P' wurde von einem Team an der Universität
Queensland (Australien) um den Psychologie-Professor Matthew R.
Saunders entwickelt und richtete sich ursprünglich an Eltern von
schwer verhaltensauffälligen Kindern. In Deutschland wird „Triple
P“ vom Institut für Psychologie AG in Münster vertrieben und von
der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in
Marburg unterstützt. Wissenschaftlicher Leiter der deutschen 'Triple
P'-Sektion ist der Braunschweiger Psychologie-Professor Dr. Kurt
Hahlweg."[1]
Triple P versteht sich als wissenschaftlich begleitet, die
Trainer müssen sich regelmäßig lizensieren lassen. Die
Sitzungen mit den Eltern werden wissenschaftlich ausgewertet,
auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist daran beteiligt.[2]
I.II. Inhalte
Bei dem Kurs geht es weniger um theoretische Grundlagen zu
Entwicklung und Psychologie. Vielmehr ist der Kurs sehr
pragmatisch angelegt[3]:
Die Eltern bekommen ganz konkrete Mittel an die Hand, mit denen
sie auf das Verhalten ihrer Kinder reagieren sollen. Das sind
zum einen recht einfache, aber wirksame Methoden, z.B.:
- sich auf Augenhöhe des Kindes begeben und den
Augenkontakt herstellen;
- wenige konkrete Anweisungen geben anstatt mehrere
unklare;
- auf Missachtung von Anweisungen sofort reagieren;
- erwünschtes Verhalten loben.
Vielen Eltern kommt diese Vorgehensweise sicher entgegen:
Sie haben Probleme im Alltag mit ihren Kindern und wollen diese
meistern. Da sind konkrete Handlungsanweisungen für Stress- und
Streitsituationen angesagt. Die Eltern müssen nicht lange
überlegen, sondern gehen nach Schema F vor, der Erfolg ist
garantiert, so jedenfalls die Befürworter.
In den "Kleinen
Helfern", den Begleitheften zum Kurs, können die Eltern dann
noch einmal ganz genau nachlesen, wie sie auf welches Verhalten
zu reagieren haben.
Allgemein sollen die Eltern in folgender Reihenfolge
vorgehen:
- Ziele formulieren abhängig vom Entwicklungsstand des
Kindes;
-
Beobachtung des Kindes mit Hilfe eines Tagebuchs. Dabei
sollen Umstände und Häufigkeit des problematischen
Verhaltens genau festgehalten werden;
- Testen der neuen Erziehungsmethode für 7-10 Tage, danach
die Entscheidung, wie fortgefahren werden soll.
I.III. Zentrale
Aspekte
Was Triple P vor allem in die Diskussion gebracht hat, sind
folgende Stichworte:
-
Konsequenz;
-
Logische Konsequenzen;
-
Stiller Stuhl;
-
Auszeit.
Ich möchte diese zunächst einmal von ihrer Funktionsweise her
darstellen.[4]
I.III.I. Konsequenz
Dies ist ein sehr wichtiges Stichwort: Eltern sollen immer
konsequent handeln, d.h. immer sofort auf Fehlverhalten
reagieren. Dabei sollen sie betont ruhig sein, das Kind z.B. mit
ruhiger Stimme an die Regeln erinnern, diese vom Kind z.T. auch
abfragen. Das Verhalten der Eltern soll damit für das Kind
vorhersehbar werden.
I.III.II. Logische Konsequenzen
Falls ein Kind nach einer ersten Ermahnung nicht tut, worum
die Eltern es gebeten haben, soll eine logische Konsequenz
folgen. "Logisch" ist die Konsequenz insofern, als dass sie im
inhaltlichen Zusammenhang mit dem Verhalten steht. Setzt ein
Kind beispielsweise trotz Aufforderung nicht den Fahrradhelm
auf, dann sollen die Eltern für 5-30 min. das Fahrrad
wegstellen. Wichtig ist dabei, dass nicht über den Sinn und
Zweck der Regel diskutiert wird: Die Eltern stellen die Regel
auf "Fahrradfahren nur mit Helm", das Kind wird daran erinnert.
Fährt es trotzdem ohne Helm, muss es für gewisse Zeit auf sein
Fahrrad verzichten. Dasselbe lässt sich auch mit Fernsehen,
Streit um Spielzeug etc. durchführen.
I.III.III. Stiller Stuhl
Der "Stille Stuhl" soll dann angewandt werden, wenn die
logische Konsequenz versagt, also wenn das
Problemverhalten nach der Wartezeit von 5-30 min. erneut
auftritt. Dabei soll das Kind seine Beschäftigung unterbrechen
und ruhig für kurze Zeit in dem Raum, in dem das Problem
aufgetreten ist, in der Nähe der Eltern sitzen. Die Eltern
sollen es in dieser Zeit nicht beachten, der Zeitraum sollte 1
bis 5 min. betragen. Wenn das Kind in der festgesetzten Zeit
ruhig bleibt, darf es danach mit seiner Beschäftigung
fortfahren, ansonsten soll der Stille Stuhl erneut angewandt
werden.
I.III.IV Auszeit
Sie soll dann angewandt werden, wenn das Problemverhalten
"schwerwiegend" ist oder das Kind beim Stillen Stuhl nicht ruhig
bleibt. Das Verfahren ähnelt dem beim Stillen Stuhl, mit dem
Unterschied, dass das Kind in einen anderen Raum gebracht wird.
Dieser soll keinerlei Anregungen bieten, aber sicher, hell und
gut durchlüftet sein. Auch hier soll die Dauer vom Alter
abhängig zwischen 1 und 5 min. liegen. Bleibt das Kind nicht im
Zimmer, soll die Tür geschlossen werden.
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II. Kritische Anmerkungen
Ich bezweifle nicht, dass man mit der Triple P-Methode
"Erfolg" hat. Wenn man unter "Erfolg" versteht, dass die Kinder
sich an die formulierten Regeln halten. Ob das Familienklima
(und damit meine ich die Zufriedenheit und das Glück aller
Familienmitglieder) sich damit steigern lässt, steht auf einem
anderen Blatt.
Einzelne Aspekte, die besonders kritikwürdig
erscheinen, möchte ich im Folgenden darstellen.
II.I. Verhaltentstherapeutischer Ansatz
Auch wenn sich die Verhaltenstherapie großer Beliebtheit
erfreut, so kann man diesen Ansatz doch auch kritisch sehen. Da
die Ursachen des unerwünschten Verhaltens unberücksichtigt
bleiben, kann es zu einer sogenannten Symptomverschiebung kommen
– ein Phänomen, dass von ehemaligen Rauchern bekannt ist, die
nun zu Süßigkeiten anstatt zu Zigaretten greifen. Dies kann
natürlich auch bei Kindern vorkommen. Vielleicht ist das
unerwünschte Verhalten ein Ruf nach mehr Aufmerksamkeit oder
weist auf Probleme in Kindergarten, Schule oder Freundeskreis
hin. Solange die Eltern das Verhalten nur als störend
klassifizieren, können sie nicht auf die tatsächlichen Sorgen
des Kindes eingehen.
Zudem handelt es sich um Methoden, die
so wirksam sind, dass sie in die Hand erfahrener Therapeuten
gehören. Diese wenden sie auch erst bei schwerwiegenden
seelischen Störungen an. Ob Eltern sich als Therapeuten ihrer
Kinder aufspielen sollten, wage ich zu bezweifeln.
II.II. Regeln
In den Begleitheften, den "Kleinen Helfern", findet sich kein
Hinweis darauf, wie sinnvolle Regeln im Familienalltag gemeinsam
erarbeitet werden. Vielmehr geben die Eltern die Regeln vor, die
Kinder haben diese zu befolgen. Natürlich kann man nicht immer
und überall Regeln diskutieren. Das Kinder nicht einfach so auf
die Straße laufen dürfen, ist nun mal eine Frage das Überlebens
im heutigen Straßenverkehr.
Doch je älter die Kinder werden,
desto stärker sollte man sie auch einbeziehen, wenn es um Regeln
geht, die für die ganze Familie gelten. Und Kinder ändern sich:
Regeln die gestern noch aktuell waren, sind morgen vielleicht
schon out.
Des weiteren sind die Beispiele für sinnvolle Regeln doch
recht eng. Unter dem Stichwort "Gäste" wird z.B. eine Szene
beschrieben:
"'Wenn du mit Mama und Papa reden möchtest, sag
‘Entschuldigung’ und warte, bis wir zu Ende geredet haben'; dann
das Kind vor dem Besuch nochmals abzufragen: 'So, was waren noch
einmal die Regeln, wenn Gäste da sind?'; im Falle früherer
Probleme bei Besuch von Gästen dem Kind auch nochmals zu sagen:
'Das letzte Mal als wir Gäste hatten, hast du die Regel
vergessen, ...'; um schließlich nach dem Besuch dem Kind 'kurz
und mit ruhiger Stimme' nochmals die Regel zu sagen, an die es
sich nicht gehalten hat: 'Du hast vergessen ‘Entschuldigung’ zu
sagen, als du mich sprechen wolltest'."[5]
Ist es wirklich notwendig, Kindergartenkinder mit derartiger
Ausführlichkeit bei einem solchen Anlass zu belehren, oder
werden hier nicht aus Mücken Elefanten gemacht?
II.III. Konsequenz
Ein Verhalten, auf das sich die Kinder verlassen können, ist
bestimmt sehr wichtig für die kindliche Entwicklung. Aber muss
ich immer gleich auf eine Regelverletzung reagieren? Vieles ist
doch auch abhängig von der Tagesform. Und wenn man selbst dem
Kind mit Verständnis begegnet, so bringt auch das Kind diese
auf. Warum nicht einfach sagen: "Ich bin heute wirklich total
gestresst von der Arbeit, ich möchte mich erst ausruhen, bevor
ich mich um dich kümmere." An anderen Tagen wiederum kann man
vielleicht auch mal Fünfe gerade sein lassen. Kinder sind da
flexibler als man denkt. Meine Tochter kann auch mit ihren zwei
Jahren schon sehr rücksichtsvoll sein.
II.IV. Stiller Stuhl und Auszeit
Sicher ist es nicht schlecht, Abstand zu wahren, wenn eine
Situation zu eskalieren droht. Besser kurz raus, tief Luft
holen, und dann wieder zum Kind. Oder der Partner übernimmt mit
frischer Energie einmal die Regie, wenn man sich selbst gerade
überfordert fühlt.
Aber hier geht es ja gerade darum, dass wir den Kindern die
"Auszeit" verordnen. Das Kind muss mit seinen Gefühlen, von
denen es vielleicht selbst auch total überrumpelt wird, ganz
allein fertig werden.
"Wie man es allerdings zuwege bringt, ein aufgebrachtes,
schreiendes, widerborstiges Kind in einen anderen Raum zu
bugsieren, ohne dass es sofort wieder angerannt kommt und der
ganze Zirkus von vorne losgeht - hier schweigt der Kleine
Helfer. Soll man es einschließen? Wegtragen? Oder doch wieder
niederbrüllen, wenn nicht gar Schlimmeres? 'Das ist nichts als
Drill', schnaubt Georg Kohaupt, Therapeut im Kinderschutzzentrum
Berlin verächtlich. 'Triple P ist faszinierend, weil es
hochwirksam ist', sagt er, 'aber von Personen und Persönlichkeit
ist diese Strategie abgespalten.' So funktioniere die Methode
nur deshalb, weil die Eltern aus der Beziehung herausgingen und
sich vom Kind distanzieren, ohne Zorn und Eifer, ohne Gefühl.
Das Kind müsse so den Konflikt allein lösen, die Eltern nähmen
nicht teil. 'Der Machtkampf wird durch Dressur entschieden',
sagt er, 'sonst nichts.'"
[6]
Zudem besteht die Gefahr einer inflationären Anwendung, und
dies gerade auch bei Verhaltensweisen, die als alterstypisch und
reifeentsprechend anzusehen sind.
[7]
Kleinkinder z.B. müssen eben auch lernen, auf die sofortige
Erfüllung eines Wunsches verzichten zu können. Aber das gleich
zu erwarten, wenn sie gerade erst begriffen haben, dass sie
einen eigenen Willen haben, ist doch schon sehr viel verlangt.
Gerade in solchen Situationen bedürfen Kinder eben auch der
Begleitung und der Hilfe durch die Eltern. Wenn ein Wunsch nicht
erfüllt werden kann, warum nicht das Kind trösten, in den Arm
nehmen und sagen: "Ich weiß, dass dir das jetzt schwer fällt,
aber es geht nun mal nicht anders." Deegener und
Hurrelmann ziehen daher in Bezug auf Stillen Stuhl und Auszeit
auch das Fazit: "Es ist also fraglich, ob Kinder durch (gehäufte
und solcherart angewendete) Auszeiten wirklich 'lernen mit
Frustrationen und Ärger umzugehen', wie es Triple P behauptet."
[8]
II.V. Schlafen
Triple P macht auch Vorschläge, wie man mit kindlichen
"Schlafstörungen" umgehen kann. Diese Vorschläge ähneln sehr
denen des Buches "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Kast-Zahn/Morgenroth,
ja sind zum Teil noch rabiater. Auch hier besteht die Gefahr -
wie auch sonst bei Triple P - dass völlig normale
Verhaltensweisen als Störung klassifiziert werden:
"Wenn, wie behauptet, ein Drittel aller Kinder unter fünf
Jahren Probleme beim Schlafen und Schlafengehen hat, so ist
zu diskutieren, in wieweit die genannten Verhaltensweisen
wie Trödeln, nicht ins Bett gehen wollen, im Bett weinen,
mitten in der Nacht aufwachen, aus dem Bett klettern und bei
den Eltern schlafen wollen noch als 'normal' für diese
Altersstufe angesehen werden können oder aber bereits als
Probleme bezeichnet/etikettiert werden müssen.
[9]
Wer sich darüber hinaus zum Thema Schlafen informieren
möchte, dem empfehle ich unsere Textsammlungen unter der Rubrik
Schlafen oder die Rote Bücherliste in unserer Bibliothek.
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III. Fazit
Triple P enthält
sicher einige positive Elemente (z. B. Augenkontakt halten,
positiv formulieren). Aber die zukunftsorientierte,
demokratische und humane Dimension in der Erziehung wird stark
vernachlässigt. Dazu gehören z. B. alters- und reifegerechte
Mitsprache-, Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten,
Partnerschaftlichkeit, Respekt und Achtung vor dem Kind, Zuhören
und ernst nehmen. Stattdessen werden Anpassung und Gehorsam
überbetont .
[10]
Es gibt qualitativ (und auch finanziell[11])
wesentlich bessere Alternativen zu Triple P.
Zu empfehlen sind z. b.
- Elternkurs "Starke Eltern – starke Kinder" vom Deutschen
Kinderschutzbund;
- Elternkurse nach Thomas Gordons "Familienkonferenz".
In unserer Bibliothek unter der Rubrik Elternsein sind die
Bücher zu den genannten Elternkursen von uns rezensiert.
IV. Literatur
Deegener, Günther/ Hurrelmann, Klaus (2002): Kritische
Stellungnahme zum Triple P.
http://www.kinderschutzbund-bayern.de/fileadmin/user_upload/veroeffentlichungen/stellungnahmen/kritische_stellungnahme_triplep.pdf
Kucklick, Christoph: Die hohe Kunst des Helfens. In: GEO
04/2002 (S. 127-154).
Unverzagt, Gerlinde: Müssen Eltern in die Elternschule In:
Psychologie Heute, Februar 2001, S. 64-69.
WDR-Service-Zeit:
http://www.wdr.de/tv/service/familie/inhalt/20030709/b_1.phtml
Elly für Rabeneltern.org, Januar 2004