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Wissenswertes
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Die Entstehungsgeschichte destruktiven Verhaltens im Kindes- und Jugendalter

 Vortrag von Prof. Dr. Peter Riedesser* in der Katholischen Akademie Hamburg am 12.11.2003

(protokolliert von Roberta)

In diesem Vortrag soll die Verbindung zwischen frühen Beziehungserfahrungen, der Beziehungskultur in Familie und Kindheit und der globalen Friedensentwicklung geknüpft werden.

Bsp. NS-Zeit : Riedesser glaubt nicht an rein sozioökonomische und politische Ursachen des NS-Regimes, sondern sieht einen signifikanten Anteil individueller Ursachen. Die Ende des 19., Anfang des 20.Jahrhunderts entwürdigten Kinder hatten so viel Hass gesammelt, dass sie diesen in der NS-Zeit wieder loswerden zu können glaubten.

Kinder und Jugendliche werden derart gewalttätig und destruktiv, wenn sie in ihrer früheren Kindheit selbst Opfer von Gewalt und Destruktivität geworden sind.

Leitsatz: „Jeder Gewalttäter war in seiner Kindheit selbst einmal Opfer und jedes Opfer läuft Gefahr, selbst zum Täter zu werden.“

Am Beispiel des Massenphänomens Kindesmisshandlung sollen nun Ursachen für Destruktivität und Gewalt aufgezeigt werden.

Gewaltverherrlichende Erziehungsideologien
 „Gelobt sei, was hart macht“
„Schreien kräftigt die Lungen“

Unkenntnis zentraler
entwicklungspsychologischer Tatsachen

-> Kind wird als Aggressor erlebt
-> Konflikt zwischen Eltern und Kind,
die Schutzperson wird zum Angreifer
Stress
Unbewusste
Erziehungskonflikte

zum Kind
(Familiäre Vor-geschichte)
Kindesmisshandlung Sozioökonomische Bedingungen:
Wohnverhältnisse, Schichtzugehörigkeit
(„Blankenese <-> Hochhaussiedlung“)
Konflikte zwischen
den Eltern
Körperliche
und seelische Erkrankungen
der Eltern
Körperliche
 und seelische Erkrankungen
des Kindes
 

 

Auch in Hamburg findet bis heute enorm viel Erziehungsgewalt statt, deren Folgen

  • psychische Erkrankungen
  • Suchtverhalten
  • ein Kreislauf der Destruktivität sind

In der FAZ wurde kürzlich über eine neue Studie berichtet, die sich mit der familiären Vorgeschichte von Skinheads, Neonazis, etc. beschäftigte. Ein großer Teil der Eltern war als kühl und gewalttätig erlebt worden, bereits im Kleinkindalter zeigten sich bei den Betroffenen jähzornige, aggressive und zerstörerische Verhaltensweisen, die sich im Jugendlichenalter verstärkten. Die Destruktivität richtete sich zu diesem Zeitpunkt nicht gegen die Eltern, sondern gegen Mitschüler, Lehrer, „Fremde“. In der Jugendclique, in die die Betroffenen dann gerieten, wurde die Ideologie als Vehikel/Blitzableiter für die früh angesammelte Destruktivität genutzt.

Es lassen sich nach der Geburt zwei grundlegende Entwicklungslinien beobachten:

(POSITIVE LINIE)

GEBURT

 

(NEGATIVE LINIE)

Good enough mothering
(Winnicott), "gute Beelterung"

URERFAHRUNGEN

"frühe Störung" = klinische Bezeichnung
  • Überstimulation
  • Unterstimulation ("Hospitalismus")

Holding environment

 

Erfahrungen von extremer Unlust

Affect attunement

 

Clash
(Permanentes Entgleisen des positiven Dialogs)

FOLGE:   FOLGE:

UR-VERTRAUEN (Ericson)
Empathiefähigkeit
(die ist nicht biologisch gegeben, sondern Resultat der Erfahrungen der ersten Jahre)

 

UR-MISSTRAUEN
Bindungsstörungen
Ur-Angst
Ur-Wut
Ur-Haß

Resultierende Lebenseinstellung:

OPTIMISMUS

 

Resultierende Lebenseinstellung:

PESSIMISMUS
Nähe wird zur Bedrohung
Misstrauen

 

Frühe Erfahrungen
 

Narzisstisches Gleichgewicht
(Kohut)
= Selbstwertsystem
(Wegstecken von Misserfolgen)

 

Narzisstische Störung

(Basis für Selbstmordversuche)

Erlebte Beziehungsmodi

(man kann einen Säugling nicht verwöhnen; Nur bei sicherem Standbein kann sich ein Spielbein entwickeln, keine frühen Trennungserfahrungen)
->

I

INNER WORKING
MODEL
(Bowlby)

inneres Arbeitsmodell

Erlebte Beziehungsmodi

->

Autonomie
Peer-Gefühl
Konstruktivität
->

 

Scham und Zweifel
antisoziale Tendenz
->

Symbolisierbare Destruktivität
(Spiel, etc. verbal: "Ich könnte...")
Sublimation
->

 

Keine Phantasien
keine Als-ob-Symbole, sondern direktes Umsetzen in Handlungen
->

Geringes Destruktivitätspotential
(mit Spannungen umgehen können)

 

Erhöhtes Destruktivitätspotential
(-> Schulen, Klassen, Vandalismus, Kriminalität, Militarisierbarkeit, Anfälligkeit für Terrorismus und Selbstmordattentate)

 

Thema KRIEG

Folgen von Krieg:
Kriege gehen über Generationen („Gewaltzyklen“)
„Ein Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“ (Heinrich Böll)

Durch Versöhnung auf individueller (z.B. Naziopfer) wie politischer Ebene („transgenerationale Versöhnung“) lassen sich die Folgen verarbeiten.

Riedesser erwähnt das Beispiel von Dr. Salzmann, zu dem er in persönlichem Kontakt stehe. Dr. Salzmann hat in seinem Leben eine fortdauernde Kette von Gewalterfahrungen machen müssen (als Jude im KZ, in der SU im Gulag, 1989 wegen zunehmendem Antisemitismus nach Israel ausgewandert, weil er endlich in Frieden leben wollte, aber die Gewalt hat ihn dort wieder eingeholt), der aber dennoch für Versöhnung plädiert.

Eine Studie an  Hamburger Schulen, die Riedesser und sein Team bei afghanischen Kindern durchgeführt haben, zeigte zwar einerseits Versöhnungsbereitschaft, andererseits aber auch tiefen Ingrimm. Die Kinder sind es, bei denen die Einwirkung ansetzen müsse.

„Vom Krieg der Eltern zum Frieden der Kinder“

Praktische Arbeit in dieser Hinsicht leiste das Balkan-Symposium (Kongress), das der Versöhnung ausländischer Studenten diene. Leider fehle das Geld, um diese Symposien öfter stattfinden zu lassen und auch auf andere Konfliktgruppen auszudehnen.

 

 

Was können wir tun?

Behandlungs- und Präventionsprogramme in den Primärbeziehungen (1)

  • Reduzierung der aggressionsfördernden Faktoren

  • Systematische Förderung prosozialen Erlebens und Verhalens

  • Förderung des empathischen Dialogs zwischen Kind + Pflegeperson (wenn dieser gestört ist, handelt es sich fast immer um eine tragische Entgleisung)

  • Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl, zum Mit-Leid fördern (diese ist wie gesagt nicht angeboren, sondern ein Resultat des Respekts vor der kindlichen Würde); zur teilnehmenden Identifizierung mit anderen Menschen (Mitscherlich)

  • Respektierung des Kindes in seiner Würde -> so wird es in die Lage versetzt, aggressives und destruktives Verhalten als inadäquat zu erkennen und bei dessen Eindämmung zu helfen (Zivilcourage)

 

Behandlungs- und Präventionsprogramme (2)

SCHULE:

Die Schule muss mit einem immensen Problemimport fertig werden, der ihr neue Aufgaben zuweist: die Ermöglichung kompensatorischer Beziehungserfahrungen in der Schule. In Zeiten von PISA sollte auch dies berücksichtigt werden!

  • Solidarische Beziehungskultur in der Klasse (mit "Minderheiten"), durch Stimulierung prosozialer Tendenzen (einschließlich internationaler Solidarität)

  • Vorbildfunktion der Lehrer (in manchen Fällen Elternersatzfunktion)

  • in vielen Ländern sehr notwendig: Ent-Militarisierung und Ent-Idealisierung des Unterrichts (Geschichte, Religionsunterricht)


HOCHSCHULE:

Systematischer Ausbau der "Friedensforschung" in allen Fächern
Friedensarbeit mit ausländischen Studierenden (vgl. Balkan-Kongress oben)


VERANTWORTUNG DER RELIGIONEN:

Quälen und militarisieren von Kindern und Jugendlichen
oder
Angebote der Versöhnung

Die religiösen Führer in Geschichte und Gegenwart haben große Schuld auf sich geladen.

 

ZUSAMMENFASSUNG:

Jeder Mensch ist potenziell destruktiv (biologisch-genetisch bedingt) bei seelischen oder körperlichen Verletzungen.

Wer nicht verletzt wird, wird auch nicht destruktiv
-> hier zeigt sich die enorme Bedeutung von Kindheitserfahrungen.

Nichtsdestotrotz müssen diejenigen, die bereits destruktiv geworden sind, je nach Altersstufe die "ordnende" Hand der Eltern, Lehrer, Polizei, Blauhelme erfahren.

Roberta für Rabeneltern.org, 2003

*Zur Person: Prof. Dr. Peter Riedesser ist Kinder- und Jugendpsychiater und Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Direktor der Abteilung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

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