Ein Leserbrief von Molly an den Spiegel
Spiegel Nr. 28/2003 – Titelthema: - Die neuen Werte: Ordnung, Höflichkeit, Disziplin,
Familie -.
Zum Artikel Nobel statt Nabel heißt es beim Spiegel Online:
„In den Zeiten der Krise, des Pisa-Schocks und um sich greifender Verlotterung
ist eine neue Bürgerlichkeit gefragt. Das Einhalten von Regeln, das Leben mit
althergebrachten Tugenden und Ritualen wird wichtiger.“
Hier der Abdruck von Mollys Leserbrief an den Spiegel:
Sehr geehrte Damen und Herren,
auf der Suche nach der Wurzel allen Übels beim Säugling anzusetzen und die
Befriedigung seiner existenziellen Bedürfnisse als Vorstufe der Verlotterung
unserer Gesellschaft zu sehen ist wohl - gelinde gesagt - lächerlich, aber
zugleich symptomatisch für die heutige Zeit.
Babys und Kleinkinder werden zum Einschlafen nicht "ständig herumgetragen oder
mit Brust und Fläschchen traktiert", weil die gelangweilten Eltern gerade nichts
Besseres zu tun haben, sondern weil sie auf diese Weise dem Kind das geben,
wonach es schreit. Das Programm von Kast-Zahn und Morgenroth, das Sie als
"Verbindung von Zuwendung und Grenzen setzen" bewerten, tut nichts anderes, als
diesen Kindern zu suggerieren, dass auf ihre Bedürfnisse keiner hört. Oder
allerhöchstens im 3-Minuten-Rhythmus, aber möglichst ohne Blickkontakt und ohne
das Kind aus dem Bett zu heben, selbst wenn es sich vor Schreien übergeben hat.
(Man darf es allerdings sauber machen. Denn wohlgemerkt: Sauberkeit ist eine
Tugend!)
Ja, es kommt Eltern entgegen. Denn irgendwann wirkt es. Rückfälle sind zwar
vorprogrammiert, denn mit jeder Entwicklungsphase kann ein Baby bzw. Kleinkind
sein Schlafverhalten ändern. Aber normalerweise ist es mit ein paar Nächten
Geschrei erledigt. Und man muss sein Leben nicht mehr nach dem unberechenbaren
Rhythmus eines unmündigen kleinen Wesens ausrichten. (Von den etlichen Ausnahmen
mit ständig eskalierendem Geschrei und Frustration auf allen Seiten will ich
hier gar nicht reden!).
Jeder Laienpsychologe weiß mittlerweile, wie bedeutend die ersten Lebensjahre
für die weitere Entwicklung des Menschen sind, wie wichtig die Stärkung des
Urvertrauens für seine emotionale Stabilität. Jeder halbwegs pädagogisch
gebildete Mensch kennt den Wert und die Notwendigkeit von Kommunikation (Und
dazu gehören auch das Hören und Reagieren auf die unartikulierten Schreie eines
Säuglings!). Deshalb bin ich enttäuscht, dass Sie ausgerechnet dieses -
mittlerweile Gott sei Dank höchst umstrittene - Standardwerk der
Erziehungsliteratur als richtungsweisend zitieren. Denn meiner Ansicht nach kann
unserer Gesellschaft nur geholfen werden, wenn wir anfangen, den schwächsten
Gliedern unsere bedingungslose Liebe und Zuwendung zu zeigen, damit sie auf
diese Weise ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sowie Vertrauen
in uns Eltern entwickeln. Das kann nur bei einer sehr kurzsichtigen - und
wiederum für die heutige Zeit typischen - Auslegung des Begriffs "Liebe" mit
Laisser-faire und Überprotektion verwechselt werden.
Schade, dass Sie sich dieser Massenmeinung angeschlossen haben.
MfG
Molly