Die Gefahr der Halte-Therapie
von Jan Hunt, M.Sc.
übersetzt aus dem Englischen von eulalie für Rabeneltern.org
Die Halte-Therapie ist eine Praxis, die im Buch „Holding Time“ von
Martha Welch beschrieben und empfohlen wird. Halte-Therapie bedeutet das
zwangsweise Halten des Kindes von einem Therapeuten oder Elternteil, bis das
Kind seinen Widerstand aufgibt oder bis eine bestimmte Zeitspanne vorüber ist.
Manchmal wird der Zwang erst gelöst, wenn Augenkontakt erfolgt ist. Obwohl diese
Therapie ursprünglich für autistische Erwachsene entwickelt wurde, wird sie
ebenfalls bei Teenagern und Kindern angewendet, die unter Wahrnehmungsstörungen
leiden oder bei Kindern mit Spätfolgen, die aufgrund einer schweren Geburt
vermutet werden. Befürworter dieser Methode verteidigen diese mit der
Begründung, sie wäre nur zum Besten für das Kind - also genau die selbe
Rechtfertigung, die für das Schlagen oder andere Bestrafungen angeführt wird.
Die Verwendung des Begriffs „Therapie“ macht es Fachleuten, die dieses Vorgehen
nicht befürworten, schwer, dagegen vorzugehen und Eltern dabei zu helfen, die
Gefahren zu erkennen. Ich beurteile diese Praxis als unvereinbar mit Attachment
Parenting (liebevollem Elternsein), welches vor allem eine Beziehung ist, die
auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Es kann für ein Kind außerordentlich hart
sein, sein volles und tiefes Vertrauen wiederzugewinnen, nachdem es zwangsweise
gehalten wurde – unabhängig von den „guten Absichten“ seiner Eltern oder dem
Resultat gedankenlosen Verhaltens.
Alice Miller schreibt dazu:
Ich sehe die Haltetherapie als eine Form der Gewaltanwendung an. Leute mit den
besten Absichten haben kein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn sie die Rechte
einer anderen Person – des Kindes - missachten. Das Ziel ist, das Kind von
verbotenen, unterdrückten Gefühlen zu befreien, aber die Gewalt dieser Methode
macht es ihm absolut unmöglich, davon zu profitieren (1). Zwang ist nur zum
Besten für das Kind und es wird für seine Toleranz, den Zwang zuzulassen,
belohnt und geliebt, das ist die Botschaft dieser Methode. Es wird glauben, dass
Zwang zu seinem Wohlbefinden beiträgt und letztendlich nur zu seinem Vorteil
ist. Ein perfekterer Betrug und eine perfektere Verzerrung der kindlichen
Wahrnehmung ist kaum möglich (2).
Es liegt in der menschlichen Natur, die Anwendung von Zwang abzulehnen
und sich gegen sie aufzulehnen. Die Anwendung von Halten unter Zwang durch ein
Elternteil, wird auf jeden Fall starke Gefühle von Angst, Verwirrung,
Hilflosigkeit, Ärger und Verrat beim Kind hervorrufen, weil die natürlichen
Versuche des Kindes, sich aus der Umklammerung zu lösen, missachtet werden, von
denjenigen, die es liebt und denen es vertraut. Durch das zwangsweise Halten,
lernt das Kind, dass Freiheit nur erreichbar ist, wenn es der von außen
auferlegten Kontrolle nachgibt – eine gefährliche Lektion, die einem kleinen
Kind damit erteilt wird. Der Wille kann gebrochen werden, aber das ist nicht,
was ich unter psychischer Gesundheit verstehe. Es ist verantwortungslos, ein
Kind, das nicht in der Lage ist, sich frei zu entscheiden, irgendeinem Zwang
auszusetzen. Auch wenn ein emotionaler Durchbruch erreicht scheint, wäre der
Preis zu hoch, denn es gibt keinen Weg, die kindlichen Gefühle wie Ärger,
Frustration, Ablehnung und Verrat, zu vermeiden. Diese intensiven Gefühle können
weder momentan, noch ihre Auswirkung in Zukunft eingeschätzt werden. Wie nach
Schlägen oder anderen Arten der Bestrafung, das Kind scheint zu gehorchen,
während seine tatsächlichen Gefühle verdrängt werden und erst dann zum Ausbruch
kommen, wenn es sich stark genug dafür fühlt. Weiterhin ist der echte „Erfolg“,
wo Zwang angewendet wird, für immer mit Zweifel versehen.
Wenn ein Kind nicht „nein“ sagen darf,
was hat sein „ja“ dann wirklich noch für einen Wert? Ein Kind, das gezwungen
wird, lernt gutes Benehmen vorzutäuschen. Diese Art der Unaufrichtigkeit ist die
Wurzel einer asozialen Persönlichkeit. Die
Anwendung von Zwang bei einem Kind ist immer ein Risikofaktor und niemals
gerechtfertigt, außer es handelt sich um die Abwendung einer unmittelbaren
Gefahr für Leben und Gesundheit und es gibt keine bessere Alternative. Es gibt
aber Alternativen – sogar unzählige – für nahezu alle zwangsweisen Maßnahmen von
Eltern. Für das unglückliche und aus der Kontrolle geratene Kind ist die beste
Alternative vorzubeugen, indem die Grundbedürfnisse des Kindes gestillt werden
(ungeteilte Aufmerksamkeit, Nahrung, Schlaf, Beachtung möglicher Allergien,
Beseitigung familiärer Stressfaktoren, etc.). Wo Zwang einfach unvermeidbar ist
(das Kleinkind rennt auf die Straße), sollte dieser so gering wie möglich sein
und es sollten sanfte Erklärungen und Entschuldigungen des Elternteils folgen.
Halten unter Zwang, ohne unmittelbare Gefahr, sollten aus humanitären Gründen –
die für mich selbstredend sind – in Frage gestellt werden. Und über die
angeblichen, von den Befürwortern gesehenen gesundheitliche Vorteile hinaus,
kann Zwang eine schwerwiegende psychologische Gefahr darstellen:
... einer unserer wichtigsten Fortschritte beim Verständnis von Gesundheit und
Krankheit in den vergangenen Jahrzehnten [...] ist die Identifizierung von
typisch krankmachenden Situationen gewesen – in die Falle gelockt werden oder in
bedrohliche Umstände und nicht in der Lage sein, weder zu kämpfen, noch zu
fliehen. Wenn wir uns nur passiv abfinden können, tendiert unser
Gesundheitszustand dazu, sich zu verschlechtern (3). Auf der anderen Seite, wenn
wir selbst die Initiative ergreifen können, verbessert er sich.
Auszug aus: The
Scientification of Love
von Michel Odent, 1999.
Es gibt
noch einen weiteren zwingenden Grund der Haltetherapie den Rücken zu kehren: Wie
können wir diese Methode in einer Gesellschaft rechtfertigen, in der Kinder –
aus gutem Grund – dazu angehalten werden, „nein“ zu sagen, wenn sie sich durch
Berührung Erwachsener belästigt fühlen? Ob nun ein Elternteil, Therapeut oder
Fremder, physische Gewaltanwendung ist falsch. Dies zu rechtfertigen,
indem Begriffe wie Liebe oder Therapie verwendet werden, ist eine
Verletzung des kindlichen Vertrauens und Selbstverständnisses. Wie alle anderen
Formen zwangsweisen Gehorsams, verbindet „Halten unter Zwang“ Liebe mit
Unterwerfung. Täuschungsmanöver durch das Kind sind wahrscheinlich, weil das
Kind versucht etwas zu begreifen, was sein Herz als falsch empfindet, nämlich
was es eigentlich unter Liebe versteht. Sanfte, mitfühlende Annäherungen sind
mit viel weniger Stress für alle Beteiligten verbunden, als Halten unter Zwang,
sind auf lange Sicht wesentlich effektiver und respektvoller dem Kind gegenüber,
das vor allem anderen unsere Liebe und Zuneigung verdient. Wie traurig, wenn
unser geliebtes Kind in den Armen zu halten – vorausgesetzt der Wunsch beruht
auf Gegenseitigkeit – pervertiert würde in eine solche herzlose Praxis.
Quellen:
1 Miller, Alice. Personal communication.
2 Miller, Alice.
Breaking
Down the Wall of Silence
. New York: Penguin USA, new edition 1997.
3 Maier, S. F. and Seligman, M.E.P. "Learned Helplessness: Theory and Evidence."
J. Exp. Psychol. General 1976; 105:3-46.
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis der Autorin
Jan Hunt