Brauchen Kinder Grenzen?
Dies ist eine Frage, die immer
wieder viel diskutiert wird und die Verfasser vieler
Elternbücher reich macht. Die Schlussfolgerung in den Büchern
ist dabei immer wieder dieselbe: Ja, „Kinder brauchen Grenzen“.
Aber kann man das wirklich so
sagen? Ich sehe das etwas anders - und wie die unten angeführte
Literaturliste zeigt, befinde ich mich in guter Gesellschaft.
Die zentrale Frage ist doch: Was
sind Grenzen in dem Zusammenhang überhaupt? Juuls Definition
kommt meiner Empfindung da am Nächsten: Grenzen sind Regulatoren
der menschlichen Beziehungen. Das heißt, sie sind dazu da, das
menschliche Miteinander zu gestalten. Kinder müssen zunächst
einmal lernen, dass Grenzen existieren. Ihre eigenen spüren sie
schon recht früh, schon ein Säugling dreht den Kopf weg, wenn
ihm etwas zuviel wird.
Die ersten Grenzen, mit denen
Kinder konfrontiert werden sind völlig subjektiv und haben mit
Allgemeingültigkeit nichts zu tun. Den einen stört stundenlanges
Indianergeheule gar nicht, den anderen macht es wahnsinnig.
Ich-Botschaften oder die "persönliche Sprache" wie Juul es
nennt, tragen dazu bei, Konflikte innerhalb einer Beziehung
anders zu gestalten. Es besteht eine sichere Verbindung zwischen
den Menschen, die daran beteiligt sind. Die Eltern und das was
sie wollen bzw. nicht wollen bleiben sichtbar für das Kind.
Für die Entwicklung des Menschen
als subjektives und als soziales Wesen ist es von entscheidender
Bedeutung, welchen Umgang mit Grenzen er erfährt. Idealerweise
macht er die Erfahrung, dass es die Beziehung nicht bedroht,
wenn er an die Grenzen eines anderen Menschen stößt. Je besser
die Erwachsenen dazu in der Lage sind, die Verantwortung für die
eigenen Grenzen zu übernehmen, desto wahrscheinlicher wird ein
Kind damit zu Recht kommen und - was vielleicht das
Entscheidende ist - lernen, dass es in Ordnung und sogar
wünschenswert ist, dass es selbst seine Grenzen entdeckt und
kundtut.
Das, was gemeinhin mit dem Satz
"Kinder brauchen Grenzen" ausgedrückt wird, ist meiner Ansicht
nach etwas ganz anderes. Es liegt dem die Meinung zu Grunde,
dass Kinder mühsam zivilisiert bzw. sozialisiert werden müssen.
Es wird argumentiert, dass Kinder doch aber lernen müssen, dass
sich nicht alle ihre Wünsche erfüllen und dass sie auch „nein“
hören. Oder auch „Ich lass mir doch von diesem Zwerg nicht auf
der Nase herumtanzen!“ Es geht aber meiner Ansicht nach nicht
darum, dass sie es lernen müssen. Das müssen sie genauso wenig
wie laufen, sprechen oder schreiben. Wenn ein Kind das Glück
hat, mit Erwachsenen zusammenzuleben, die es ernst nehmen, dann
wird es an Grenzen stoßen, einen angemessenen Umgang damit
vorgelebt bekommen - und daher natürlich auch „nein“ hören.
Ein weiteres Argument ist, dass
Grenzen Kindern Sicherheit geben. Es ist genau andersherum:
Kinder erlangen dann Sicherheit und Stabilität, wenn sie sich
der liebevollen Beziehung zu ihren Eltern absolut sicher sein
können, wenn sie genau wissen, dass diese durch nichts bedroht
wird oder gar zerstört werden kann. Auf dieser Grundlage sind
Kinder nicht nur in der Lage sondern haben sogar den Wunsch,
sich in die Gemeinschaft zunächst der Familie und anderen, die
folgen (Kindergarten, Schule, Freundesgruppen etc.) einzufügen.
Was heißt das für die Praxis?
Es geht im Grunde weniger darum,
dass Kinder Grenzen brauchen, sondern vielmehr darum, dass
Eltern es wagen sollten, mit ihren Kindern in eine wirkliche
Beziehung zu treten, und dazu gehört eben auch, dass sich die
Erwachsenen abgrenzen - so wie sie es mit anderen (erwachsenen)
Menschen ja auch tun. Dazu müssen Eltern einen wichtigen
Lernprozess leisten: Sie müssen sich bewusst machen, wo ihre
eigenen Grenzen liegen. Vielen ist das nicht bewusst,
schließlich haben die wenigsten von uns als Kinder erfahren,
dass die eigenen Grenzen respektiert werden.
Die Frage ist - wieso fällt es
Eltern so schwer, sich ihren Kindern gegenüber abzugrenzen? Es
scheint etwas damit zu tun zu haben, wie ernst das Gegenüber -
also das Kind - genommen wird. Außerdem muss ich bereit sein,
meine eigene Begrenztheit zu akzeptieren, und genau das scheint
im Umgang mit Kindern besonders schwer zu sein. Diffizil daran
ist, dass es nicht darum gehen kann, als Erwachsener nach dem
eigenen Lustprinzip zu leben sondern die Balance zu schaffen
zwischen Abgrenzung und Ernstnehmen der Bedürfnisse des Kindes.
Kinder spüren Halt und
Sicherheit, wenn die Menschen, mit denen sie aufwachsen
durchschaubar und authentisch sind. Natürlich kann man das
herumdrehen und kann damit Schlafprogramme, stille Stühle und
vieles mehr rechtfertigen. Aber es geht ja darum, dass beide
Beteiligten dieser Beziehung ernst genommen werden. Das bedeutet
auch, dass der Stärkere eher mal zurücksteckt mit seinen
Bedürfnissen. Aber das verschiebt sich ja mit zunehmendem Alter
der Kinder immer mehr. Seine Grenze ziehen heißt auch, dass man
dann unter Umständen den Unmut des Kindes aushalten muss und vor
allem, dass man selber die Ursache dafür ist. Viele Eltern
scheinen zu versuchen, das um jeden Preis zu verhindern.
Mir kommt es oft so vor, als
wollten sich Eltern hinter den berühmten Sätzen mit "man" oder
auch "das geht nicht" verstecken. Als zögen sie eine außen
stehende Instanz heran, die Grenzen zieht. Wenn aber deutlich
wird, dass ICH nicht möchte, dass z.B. auf dem Tisch
herumgelaufen wird, dann stehe ich mit meinen Bedürfnissen und
Grenzen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Und kollidiere
mit den Bedürfnissen meines Kindes. Ich muss mich dann
hinterfragen lassen, ich muss bei meinen Grenzen bleiben, wenn
sie mir wichtig sind und ich muss aushalten, dass mein Kind
unglücklich darüber ist. Aber - und das ist vielen offenbar
nicht klar - es ist kein Drama, dass das Kind unglücklich
darüber ist, wenn es ist weiterhin in Verbindung mit mir sein
und die Beziehung spüren kann, die wir haben.
Gründe, die genau das für Eltern
schwierig machen können, gibt es sicher viele. Das können
Unsicherheit oder Überforderung sein, vor allem beim ersten Kind
ist man selbst ja auch sehr stark Lernender. Aber es kann auch
sein, dass man übernommene oder erlebte Verhaltensmuster nicht
genug hinterfragt. Daraus kann falsche Machtausübung ebenso
erwachsen wie ein respektloses Verhalten dem Kind gegenüber.
Wenn Eltern anhaltende Probleme damit haben, respektvoll mit
Grenzen umzugehen – mit den eigenen und/oder mit denen des
Kindes – dann kann es sinnvoll sein, sich professionelle
Unterstützung zu holen in Form von Beratung oder einem
Elterntraining.
Es kann also weder darum gehen,
unseren Kindern permanent beizubringen, wer der Herr bzw. die
Herrin im Haus ist, noch ist es unsere Aufgabe, jede
Enttäuschung von unseren Kindern fernzuhalten. Dagegen sollte es
aber sehr wohl unser Anliegen sein, sie einerseits einen
konstruktiven Umgang mit den Grenzen anderer erleben und lernen
zu lassen und andererseits ihre eigenen Grenzen immer besser zu
spüren und kennen zu lernen. Dazu gehört auch, dass für alle
klar ist, dass in der Familie die Eltern diejenigen sind, die
die Verantwortung (Juul benutzt dazu den Begriff „Führung“)
tragen. Auch, aber nicht nur für die eigenen Grenzen. Dazu kann
einerseits gehören, Entscheidungen zu übernehmen, deren Folgen
ein Kind noch nicht übersehen kann oder die es überfordern,
andererseits aber auch, die Grenzen des Kindes zu wahren, wenn
es das selbst noch nicht kann.
Ich erlebe bei Eltern immer
wieder fast ein Schockiertsein darüber, dass ihr Kind ihre
Grenzen verletzt. Als würden Kinder mit einer Art Plan geboren,
auf dem die elterlichen Grenzen (die ja auch noch völlig
subjektiv sind) eingezeichnet sind. (Das Gleiche gilt im Übrigen
für andere, kulturelle oder gesellschaftliche Grenzen.) Das
Gegenteil ist der Fall! Ein Kind kann den konstruktiven Umgang
mit Grenzen nur lernen, indem es möglichst munter und unbefangen
auf die Welt zugeht - und sich an ihr stößt, im Grossen wie im
Kleinen. Je sicherer und ungekränkter Eltern sich verhalten,
desto selbstverständlicher wird für ein Kind die Tatsache, dass
es Grenzen gibt und der Umgang damit.
Dipl.-Psych. Christiane Rupp
Literatur:
Faber/Malish: Nun hör mir doch
mal zu! LaLecheLiga
Gordon, Thomas:
Familienkonferenz in der Praxis. Heyne 2002
Juul, Jesper: Das kompetente
Kind. Rowohlt 2003
Ders.: Grenzen, Nähe, Respekt.
Rowohlt 2002
Ders.: Was Familien trägt. Kösel
2006
August 2006
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