Fremdbetreuung von Babys und
Kleinkindern unter 2 Jahren
von
Dipl.-Päd. Ines Gärtner
Geht man von neuesten Erkenntnissen der Bindungsforschung aus,
ist Fremdbetreuung bereits in den ersten beiden Lebensjahren möglich,
ohne dass seelische Folgen für das Kind bzw. die (sichere!) Bindung
an die Mutter zwangsläufig eintreten müssen.
Kinder können an mehr als
eine Person eine Bindung aufbauen, was Grundvoraussetzung für die außerfamiliäre
Betreuung ist. Das erscheint nur logisch, ist doch der Mensch ein soziales
Wesen, das ursprünglich in Gruppen aufwuchs, also ganz natürlich und automatisch
von früh an Kontakte zu einer Vielzahl von Personen hatte. Geht man von der
heutigen Situation der meisten Kleinfamilien aus, ist ein Haupthinderungsgrund
für Fremdbetreuung das Fehlen dieser natürlichen Gebundenheit auch an andere
Menschen als die Mutter. Außerfamiliäre Kontakte müssen also künstlich
erschaffen werden. Optimal wäre deshalb immer eine Betreuung von anderen
Bezugpersonen (z.B. Vater, Großeltern). Ist das nicht möglich und eine
Fremdbetreuung unumgänglich, gibt es die Möglichkeit der Betreuung des Kindes
von einer Tagesmutter oder in einer Kinderkrippe. Die Trennung von der Mutter
(da die Mutter in der Regel die Bezugsperson ist, verwende ich diese
Formulierung der Einfachheit halber), bei der das Kind fast seine gesamte
Lebenszeit verbracht hat, bedeutet IMMER Stress für eine Kind. Und nach neuesten
biologischen Erkenntnissen können Babys Stress nicht allein abbauen oder sich
bewusst ablenken. Deshalb ist es wichtig, diesen Stress so gering wie möglich zu
halten. Vor allem folgende Kriterien sollte man darum bei einer außerfamiliären
Betreuung beachten:
- Entwicklungsphase und Temperament des Kindes
- Qualität der Betreuung
- Sanfte, individuelle Eingewöhnung und
- Angemessene Betreuungszeiten.
Ungünstig ist es, ein Baby
oder Kleinkind, das sich gerade in einer bedeutenden Entwicklungsphase befindet,
zusätzlichem Stress durch Fremdbetreuung auszusetzen. Dazu zählt u. a. die
Fremdelphase, die bei den meisten Kindern zwischen dem 5. und 9. Lebensmonat
auftritt. Diese natürliche Angst scheint dafür zu sorgen, dass sich Kinder
zuverlässig an ihre Bezugspersonen halten und binden. Ebenso die Trennungsangst,
die ungefähr um das 1. Lebensjahr beginnt und ein Kind schon bei einer kurzen
Trennung von der Mutter weinen lässt.
Eltern sollten ihr Kind
beobachten. Ist es eher aufgeschlossen oder scheu und schüchtern? Wie verhält es
sich in großen Gruppen? Davon sollte man abhängig machen, ob man ein Kind von
einer Tagesmutter oder in einer Kinderkrippe betreuen lässt oder ob man von
Fremdbetreuung generell noch einmal Abstand nehmen sollte. Das lässt sich nicht
vom Alter des Kindes abhängig machen. Es gibt durchaus Babys, die das wunderbar
verkraften und genauso knapp 2jährige, für die es einfach noch zu früh ist.
Nach einer amerikanischen
Studie sollte das Betreuungsverhältnis von Kindern zu Erwachsenen 3:1 nicht
überschreiten. Denn gerade Babys und Kleinkinder brauchen die uneingeschränkte
Aufmerksamkeit eines Erwachsenen. Außerdem kann durch einen niedrigeren
Betreuungsschlüssel das Risiko einer unsicheren Bindungsentwicklung entstehen.
Grundsätzlich halte ich es
für günstiger, ein Kind unter 2 Jahren von einer Tagesmutter betreuen zu lassen.
O. g. Betreuungsschlüssel ist meist gegeben, die Gruppe ist klein und
überschaulich, der Lärmpegel geringer als in einer Krippe.
Ausgesprochen wichtig ist
eine individuelle Eingewöhnung. Tageseinrichtungen oder Tagesmütter, die das
ablehnen, sollte man meiden. Dahinter steht meist eine grundsätzliche Haltung,
die den individuellen Bedürfnissen von Kindern keinen Raum gibt und nicht auf
besondere Feinfühligkeit und psychologisches Grundwissen schließen lässt.
Auch sicher gebundene
Kinder brauchen ihre Mütter, um neue Situationen bewältigen zu können. Die
Schnelligkeit der Eingewöhnung sagt sehr wohl etwas über die Bindungsqualität
aus, aber nicht das, was oftmals Betreuerinnen suggerieren. Ein Baby, das sich
ohne Eingewöhnung und ohne sichtbaren Kummer einfach an eine fremde Person
übergeben lässt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit keine sichere, sondern eine
vermeidende Bindung zur Mutter und steht trotz fehlender Merkmale des Kummers
unter enorm hohem Stress. Dagegen wird ein Baby oder Kleinkind, das sich an die
Eltern klammert, abwartend, aber neugierig reagiert und bei Trennung weint und
protestiert, auch Stress ausgesetzt sein. Mit Hilfe der Mutter (oder einer
anderen Bezugsperson) wird es diesen aber abbauen und bewältigen können.
Wie lange eine
Eingewöhnung dauert, lässt sich nicht pauschal sagen. Man sollte mindestens 4-6
Wochen einplanen und die ersten 1-2 Tage, besser eine ganze Woche, komplett
dabei bleiben. Zum einen braucht das Kind diese gemeinsame Zeit und zum anderen
gewinnen die Eltern einen Überblick über den Tagesablauf und den Umgang der
Erzieherinnen mit den Kindern. Je nachdem, wie das Kind reagiert, kann man
danach erstmals für 10-20 Minuten wegbleiben und „proben“ (in der Nähe und
erreichbar bleiben) und diese Zeiten dann, wenn es funktionieren sollte, langsam
steigern. Im Idealfall hat das Kind in der Zwischenzeit zur Erzieherin genug
Vertrauen aufgebaut, um gar nicht mehr zu weinen oder nur kurz bzw. sich von ihr
trösten zu lassen. Ein weinendes Kind sollte man nicht zurücklassen. Das stört
die Basis der Mutter-Kind-Beziehung und ist unnötiger Stress für das Kind.
Sollte das passieren, muss der Versuch abgebrochen und dem Kind noch etwas
länger Zeit gegeben werden.
Auch nach erfolgreicher
Eingewöhnung sollte man mindestens 15 Minuten für den Übergang einplanen. Ich
halte es für wichtig für so ein kleines Kind, die ersten Minuten in der neuen
Umgebung jeweils mit einer Vertrauensperson zu verbringen. Um so leichter wird
der Abschied sein.
Die außerhäusliche Zeit
sollte so kurz wie möglich sein und die verbleibende Zeit zu Hause mit dem Kind
intensiv genutzt werden.
Abschließend lässt sich
sagen, dass sich negative Auswirkungen von außerfamiliärer Betreuung auf die
Bindungsqualität nicht gänzlich ausschließen lassen. Es spricht aber inzwischen
einiges dafür, dass sich unter den genannten Bedingungen keine negativen Folgen
für die Mutter-Kind-Bindung und die seelische Entwicklung des Kindes ergeben.
Inzwischen
gilt als erwiesen, dass emotionale Unterstützung und die Erfahrung, für einen
Menschen von ganz besonderer Bedeutung zu sein, vor psychischen Problemen und
Krankheiten schützen können. Daher könnte sich Fremdbetreuung bei familiären
Problemen sogar positiv auswirken. Damit sind u. a. Misshandlung,
Partnerschaftsprobleme, psychische Erkrankung eines/beider Elternteile, Armut
gemeint. Diese Faktoren gehen oft mit mangelnder Feinfühligkeit der
Hauptbezugsperson einher und schlagen sich meist im unsicheren oder ambivalenten
Bindungsstil des Kindes nieder. Qualitativ gute außerhäusliche Betreuung könnte
also diesen Kindern die Unterstützung und Aufmerksamkeit zukommen lassen, die
ihnen in der Familie fehlt.
Der wissenschaftliche Nachweis dafür steht allerdings noch aus.
Literatur:
Braun, W.: Früher Stress
bremst das Gehirnwachstum. In: Psychologie Heute. Heft 11/2004
Dornes, M.: Die frühe
Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt a.M. 1997
Dornes, M.: Die emotionale
Welt des Kindes. Frankfurt a.M. 2000
Largo, R.H.: Babyjahre. Die
frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. Hamburg 1993
Wilhelm, K.: Fremde
Betreuung – gute Betreuung. In: Psychologie Heute. Heft 1/2005
© Rabeneltern.org 2005