FAUSTLOS – Gewaltprävention an Kindergärten
und Schulen
von Dipl.-Sozialarbeiterin Sandra
Deuble für rabeneltern.org, 2004
Gewalt in Schulen und bereits auch in
Kindergärten ist eines der Probleme, mit denen Eltern konfrontiert werden.
Zusammen mit anderen Methoden, dagegen vorzugehen (als ein Beispiel seien die
Streitschlichterausbildungen an Schulen genannt), gibt es ein erfolgreiches
Programm, das bereits an vielen Schulen und Kindergärten durchgeführt wird. Es
heißt FAUSTLOS, und wir wollen euch einen Überblick über dieses Programm geben:
Was ist FAUSTLOS?
FAUSTLOS ist ein Lehrprogramm, das impulsives
und aggressives Verhalten von Kindern vermindern und ihre soziale Kompetenz
erhöhen soll (vgl. Schick & Cierpka, 2003). Das Programm liegt in zwei separaten
Versionen vor: Ein Curriculum wurde speziell für den Kindergarten, ein
anderes für die Grundschule entwickelt. Beide Curricula basieren auf dem
amerikanischen Programm SECOND STEP (Beland, 1988; 1991), das vom Committee for
Children in Seattle entwickelt wurde, in den USA seit vielen Jahren erfolgreich
Anwendung findet und zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Das Curriculum dient der
Prävention aggressiven Verhaltens und kann leicht in die Strukturen von
Grundschulen und Kindergärten integriert werden.
Wozu FAUSTLOS?
Forschungsergebnisse der letzten Jahre legen den
Schluss nahe, dass es - entgegen dem Augenschein spektakulärer Medienberichte -
eher eine Zunahme der Qualität und Schärfe der Gewalttätigkeiten an Schulen als
eine Zunahme aggressiver Handlungen an sich gibt. Gleichzeitig scheint die
Sensibilität gegenüber gewalttätigem Verhalten in der Öffentlichkeit gewachsen
zu sein, wobei die Toleranz- und Belastbarkeitsschwelle von LehrerInnen und
ErzieherInnen Befragungen zufolge deutlich überschritten ist.
Die sich abzeichnende Entwicklung verlangt zunehmend nach Lösungen vor allem im
Sinne von Prävention, denn Präventionskonzepte scheinen sowohl langfristig
erfolgreicher als auch deutlich kostengünstiger zu sein als
Interventionsmaßnahmen (für einen Überblick zu Gewaltpräventionsansätzen an und
für Grundschulen vgl. Schick & Ott, 2002).
Da aggressives und gewaltbereites Verhalten wesentlich aus einem Mangel an
sozialen Kompetenzen resultiert, was eine konstruktive Form der Problem- und
Konfliktbewältigung nicht zulässt, haben Maßnahmen zur Steigerung der sozialen
Kompetenz von Kindern im Rahmen von Gewaltprävention einen zentralen
Stellenwert.
Die Entwicklung prosozialer Verhaltensweisen
kann durch einen oder mehrere der folgenden Faktoren beeinträchtigt werden:
-
Die Kinder wissen nicht, was angemessenes
Verhalten ist, weil ihnen Modelle für alternative Konfliktlösungen fehlen
-
sie wissen zwar, was angemessenes Verhalten
ist, aber ihnen fehlt die Übung, weil sie in ihrem Verhalten nicht adäquat
verstärkt werden
-
sie zeigen emotionale Reaktionen wie Ärger,
Furcht oder Angst in einer Ausprägung, die sie in der Entwicklung des
gewünschten Verhaltens behindert
-
sie können Aggressionen nur unzutreffend
einschätzen
-
sie zeigen Entwicklungsverzögerungen (diese
können entweder genetisch bedingt, oder durch andere Ursachen, z.B.
Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft, aufgetreten sein
Durch FAUSTLOS lernen Kinder prosoziale
Verhaltensweisen auf die gleiche Weise, wie sie lernten, sich unsozial zu
verhalten, nämlich über Vorbilder, Erfahrung und Verstärkung. Verstärkungen -
sowohl "beabsichtigte" (Lob, Belohnungen) als auch "natürliche" (erfolgreiche
Problemlösungen) - fördern das Lernen dieser Fähigkeiten.
Wie ist FAUSTLOS aufgebaut?
FAUSTLOS vermittelt alters- und
entwicklungsadäquate prosoziale Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen
Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut. Diese
drei Bereiche bzw. Einheiten sind in Lektionen unterteilt, die aufeinander
aufbauend unterrichtet werden. Das Grundschul-Curriculum umfasst 51 Lektionen,
das Kindergarten-Curriculum besteht aus 28 Lektionen.
Empathie: FAUSTLOS versteht Empathie als
ein "Set von Fähigkeiten und Fertigkeiten", das die Fähigkeit, die Gefühle
anderer wahrzunehmen, zu verstehen und zu beantworten, einschließt. Empathie ist
weder eine Tugend, noch eine rein geschlechtstypische Charaktereigenschaft. Sie
kann zum großen Teil vermittelt werden.
Impulskontrolle: FAUSTLOS bezieht sich
hierbei im wesentlichen auf zwei Strategien:
Interpersonelles kognitives Problemlösen und das Training sozialer
Verhaltensfertigkeiten.
Problemlösen erfolgt durch die Vermittlung systematischer Gedankenschritte, die
in sozialen Situationen eingesetzt werden. Das Training sozialer
Verhaltensfertigkeiten vermittelt Verhaltensweisen wie "sich entschuldigen" oder
"mitmachen", die in verschiedenen sozialen Situationen angewendet werden können.
Umgang mit Ärger und Wut: FAUSTLOS zielt
darauf ab, die Wahrnehmung der Auslöser von Ärger mit dem Gebrauch positiver
Selbst-Verstärkungen und Beruhigungstechniken zu verbinden. Es werden z.B. mit
Hilfe von Handpuppen Rollenspiele durchgeführt, frustrierende Erlebnisse
nachempfunden, „friedliche“ Lösungen gesucht, sensibleres Verhalten eingeübt.
So können Wutanfälle verhindert werden, und die Kinder haben die Möglichkeit,
über den Vorfall nachzudenken, der den Ärger ausgelöst hat.
Ergebnisse zur Effektivität von FAUSTLOS
Die Effektivität des englischsprachigen
Original-Curriculums SECOND STEP wurde erstmals 1988 im Schulbezirk von Seattle
untersucht (vgl. Beland, 1988). Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder, die mit
SECOND STEP unterrichtet wurden, empathischer waren und deutlich bessere
Problemlösefähigkeiten hatten als Kinder, die nicht am Programm teilgenommen
hatten (vgl. auch Frey, Hirschstein & Guzzo, 2000).
Grossman et al. (1997) untersuchten die Auswirkungen von SECOND STEP auf das
prosoziale und das aggressive Verhalten von Kindern und konnten zeigen, dass
durch die SECOND STEP-Lektionen die körperlichen Aggressionen der Kinder
zurückgingen und sie deutlich mehr prosoziale Verhaltensweisen zeigten als
Kinder, die nicht mit SECOND STEP unterrichtet worden waren. Diese Effekte
blieben auch sechs Monate nach Beendigung des Curriculums stabil (vgl. auch
McMahon, Washburn, Felix, Yakin & Childrey, 2000).
Erste Versionen der FAUSTLOS-Curricula wurden
1996/97 im Rahmen einer einjährigen Pilotphase an 11 Göttinger Grundschulen und
sieben Göttinger Kindergärten erprobt. In dieser Studie zeigten die
FAUSTLOS-Kinder bereits nach vier Monaten eine deutliche Steigerung ihrer
sozialen Kompetenz und eine verstärkte Ablehnung aggressiver Verhaltensweisen
(vgl. Hahlweg et al., 1998). Auch die von November 1998 bis Dezember 2001 im
Auftrag des Ministeriums für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg an 21
Heidelberger und Mannheimer Grundschulen durchgeführte Evaluationsstudie belegt
die gewaltpräventive und soziale Kompetenz fördernde Wirkung von FAUSTLOS (vgl.
Schick & Cierpka, 2003).
Was ist das Besondere an FAUSTLOS?
-
FAUSTLOS ist mehr als Gewaltprävention,
da allgemeine soziale Verhaltensfertigkeiten gelernt und geübt werden
-
FAUSTLOS richtet sich an alle Kinder
einer Klasse bzw. Gruppe, so dass potentielle Täter und potentielle
Opfer profitieren und niemand stigmatisiert wird
-
FAUSTLOS anerkennt die LehrerInnen bzw.
ErzieherInnen als ExpertInnen für die Umsetzung des Curriculums
-
Die ErzieherInnen bzw. LehrerInnen werden
durch eine Fortbildung auf das Unterrichten von FAUSTLOS vorbereitet
-
FAUSTLOS verstärkt die erzielten
Verhaltensänderungen durch seine kontinuierliche Anwendung und die
Betonung des Transfers in den Alltag
-
FAUSTLOS zeichnet sich durch eine gute
didaktische Aufbereitung und die Systematik der aufeinander
aufbauenden Lerneinheiten aus
-
FAUSTLOS berücksichtigt die
entwicklungspsychologischen Veränderungen im Kindesalter durch
spezifische Curricula für Kindergärten und Grundschulen mit jeweils
altersspezifischen Lektionen
-
Die FAUSTLOS-Einheiten bauen auf
entwicklungspsychologischen Forschungsbefunden zu den Ursachen von
aggressivem Verhalten auf
-
Die Effektivität von FAUSTLOS wurde
in mehreren Studien belegt.
-
Qualitätssicherung ist integrativer
Bestandteil der FAUSTLOS-Curricula
Literatur
Beland, K. (1988). Second Step. A violence-prevention curriculum. Grades 1-3. Seattle: Committee for Children.
Beland, K. (1991). Second Step. A violence-prevention curriculum. Preschoolkindergarten. Seattle: Committee for Children.
Cierpka, M. (Hrsg.) (2001). FAUSTLOS. Ein Curriculum zur Prävention von aggressivem und gewaltbereitem Verhalten bei
Kindern der Klassen 1 bis 3. Göttingen: Hogrefe.
Frey, K. S., Hirschstein, M. K. & Guzzo, B. A. (2000). Second Step: Preventing aggression by promoting
social competence. Journal of Emotional and Behavioral Disorders, 8(2), 102-112.
Grossman, D. C., Neckerman, H. J., Koepsel, T. D., Liu, P.-Y., Asher, K. N., Beland, K., Frey, K. & Rivara,
F. P. (1997). Effectiveness of a violence prevention curriculum among children in elementary school. Journal of the American Medical
Association, 277(20), 1605-1611.
Hahlweg, K., Hoyer, H., Naumann, S. & Ruschke, A. (1998). Evaluative Begleitforschung zum Modellprojekt "Beratung für Familien
mit einem gewaltbereiten Kind oder Jugendlichen“. Abschlußbericht, Technische Universität Braunschweig.
McMahon, S.D., Washburn, J., Felix, E.D., Yakin, J. & Childrey, G. (2000). Violence prevention: Program
effects on urban preschool and kindergarten children. Applied & Preventive Psychology, 9, 271-281.
Schick, A. & Cierpka, M. (2003). Faustlos – Aufbau und Evaluation eines Curriculums zur Förderung
sozialer und emotionaler Kompetenzen. In M. Dörr & R. Göppel (Hrsg.), Bildung der Gefühle. Innovation? Illusion? Intrusion? (S. 146-162). Gießen:
Psychosozial-Verlag.
Schick, A. & Cierpka, M. (2003). Faustlos: Evaluation eines Curriculums zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und
zur Gewaltprävention in der Grundschule. Kindheit und Entwicklung, 12, 100-110.
Schick, A. & Ott, I. (2002). Gewaltprävention an Schulen – Ansätze und Ergebnisse. Praxis der Kinderpsychologie und
Kinderpsychiatrie, 51(10), 766-791.