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Entwicklung
der frühen Bindung und ihre Störungen
Dr.
Karl Heinz Brisch
Die Konzepte der Bindungsforschung
Eine Mitarbeiterin von John Bowlby, Mary Ainsworth, begründete
durch ihre Forschungsarbeiten das Konzept der Feinfühligkeit
für das Pflegeverhalten der Bezugsperson. Sie fand heraus,
dass Säuglinge sich häufiger an diejenige Pflegeperson
binden, die ihre Bedürfnisse in einer feinfühligen Weise
beantwortet. Dies bedeutet, dass die Signale des Säuglings
von seiner Pflegeperson wahrgenommen werden, dass sie richtig interpretiert
und ohne Verzerrungen durch eigene Bedürfnisse und Wünsche
der Pflegeperson wiedergegeben werden können. Weiterhin muss
die Pflegeperson die Bedürfnisse angemessen und prompt entsprechend
dem Alter des Säuglings beantworten. Je älter der Säugling
wird, um so länger können auch die Zeiten sein, die dem
Säugling bis zur Bedürfnisbefriedigung zugemutet werden.
So ist etwa in den ersten Lebenswochen die aushaltbare Frustrationsspannung
nur kurz. Wenn der Säugling zeigt, dass er hungrig ist, wird
eine feinfühlige Mutter ihn relativ rasch stillen.
Werden die Bedürfnisse des Säuglings in dieser von Ainsworth
geforderten feinfühligen Art und Weise von einer Pflegeperson
beantwortet, so bindet sich der Säugling mit großer Wahrscheinlichkeit
an diese Person in Form einer sicheren emotionalen Bindung. Dies
bedeutet, dass er diese spezifische Person bei Bedrohung und Gefahr
als "sicheren Hort" und mit der Erwartung von Schutz und
Geborgenheit aufsuchen wird.
Wird die Pflegeperson eher mit Zurückweisung auf seine Bindungsbedürfnisse
reagieren, so besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass
der Säugling sich an diese Riegeperson mit einer unsicher vermeidenden
Bindungshaltung bindet.
Werden die Signale manchmal zuverlässig und feinfühlig,
ein anderes Mal aber eher mit Zurückweisung und Ablehnung beantwortet,
so entwickelt sich eher eine unsicher-ambivalente Bindungsqualität
zur Pflegeperson, zum Beispiel zur Mutter.
Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind wird in Notsituationen eher
die Bindungsperson meiden oder nur wenig von seinen Bindungsbedürfnissen
äußern. Es hat eine Anpassung an die Verhaltensbereitschaften
seiner Bindungsperson gefunden, das heißt Nähewünsche
werden von ihm erst gar nicht so intensiv geäußert. Der
Säugling weiß, dass diese von der Pflegeperson auch nicht
so intensiv mit Bindungsverhalten im Sinne einer Gewährung
von Schutz und Geborgenheit beantwortet werden.
Ein weiteres Muster zeigen Säuglinge mit einer unsicher-ambivalenten
Bindung. Sie reagieren auf Trennungen von ihrer Hauptbindungsperson
mit einer intensiven Aktivierung ihres Bindungssystems. Sie weinen
lautstark und klammern sich intensiv an die Bindungsperson. Über
lange Zeit sind sie kaum zu beruhigen und können nicht mehr
zum Spiel in ausgeglichener emotionaler Verfassung zurückkehren.
Einerseits klammern sie sich an die Mutter, andererseits zeigen
sie aber auch aggressives Verhalten. Wenn sie etwa bei der Mutter
auf dem Arm sind, strampeln sie und treten nach der Mutter, während
sie gleichzeitig klammern und Nähe suchen. Dieses Verhalten
wird als Ausdruck ihrer Bindungsambivalenz interpretiert.
Erst später wurde noch ein weiteres Bindungsmuster gefunden,
das als desorganisiertes und desorientiertes Muster bezeichnet wurde.
Diese Kinder zeigen Sequenzen von stereotypen motorischen Verhaltensweisen,
oder sie halten im Ablauf ihrer Bewegungen inne und erstarrten für
die Dauer von einigen Sekunden. Dies wird dahingehend interpretiert,
dass diese Kinder keine aktuelle Bindungsverhaltensstrategie zur
Verfügung haben.
Bindungsrepräsentation (Bindungshaltung) der Bezugsperson
Durch ein spezifisches, halbstrukturiertes Interview gelang es,
auch einen Aufschluss über die Bindungshaltung der Erwachsenen
- etwa der Eltern - zu gewinnen. Es fanden sich ähnliche Bindungsstile
wie bei den Kindern.
Erwachsene mit einer sicheren Bindungshaltung können im Interview
frei und in einem kohärenten Sprachfluss über ihre Erlebnisse
von Bindung, Verlust und Trauer mit ihren Eltern und wichtigen Bezugspersonen
sprechen.
Erwachsene mit einer unsicher-distanzierten Bindungshaltung weisen
zwischenmenschlichen Beziehungen und emotionalen Bindungen wenig
Bedeutung zu.
Erwachsene mit einer unsicher-verstrickten Bindungshaltung zeigen
im Interview durch eine langatmige, oft widersprüchliche Geschichte
und Beschreibung ihrer vielfältigen Beziehungen, wie emotional
verstrickt sie etwa mit ihren Eltern und in anderen Beziehungen
bis zum Erwachsenenalter noch sind.
Es wurde später noch ein weiteres Bindungsmuster in Zusammenhang
mit ungelösten, traumatischen Erlebnissen wie etwa nach unverarbeiteten
Verlusten und Missbrauchserfahrungen gefunden.
Durch verschiedene Längsschnittstudien sowohl in Deutschland
als auch in den USA und in England konnte nachgewiesen werden, dass
etwa sicher gebundene Mütter mit 75 Übereinstimmung auch
sicher gebundene Kinder haben, beziehungsweise Mütter mit einer
unsicheren Bindungshaltung auch häufiger Kinder, die mit einem
Jahr unsicher gebunden sind. Ähnliche Zusammenhänge, wenn
auch nicht mit gleicher Intensität (65 Übereinstimmung),
fanden sich für die Beziehung zwischen der Bindungshaltung
der Väter und der Bindungsqualität ihrer Kinder.
Diese Studien weisen auf eine Weitergabe von Bindungsstilen und
–mustern zwischen Generationen hin. Die Bindungshaltung der
Mutter beeinflusst ihr Verhalten gegenüber ihrem Säugling.
Es konnte nachgewiesen werden, dass sicher gebundene Mütter
sich auch in der Pflege ihrer Kindern feinfühliger verhielten
als dies unsicher gebundene Mütter taten. Die vielfältigen
Erfahrungen des Säuglings in der Beziehung mit seiner Mutter
bzw. seinem Vater sind von großer Bedeutung für die Entwicklung
der kindlichen Bindung. Wenn man werdende Mütter und Väter
während der Schwangerschaft im Hinblick auf ihre Bindungshaltung
untersuchte, ließe sich hieraus die Bindungsqualität
ihres Kindes mit zwölf Monaten sehr gut vorhersagen.
Bindungsstörungen
Wenn Kinder in der frühen Entwicklungszeit wiederholt traumatische
Erfahrungen gemacht haben und dies besonders in der Beziehung mit
ihren Bindungspersonen erlebten, waren diese kein Ort der Sicherheit,
sondern ein Quelle von Angst und Schrecken. Zu solchen Erfahrungen
gehören Gewalt. Missbrauch, Vernachlässigung, vielfältige
Verlust- und Trennungserfahrungen. Unter diesen Umständen entwickeln
sie eine Bindungsstörung, die als schwere Störung der
frühen emotionalen Entwicklung angesehen wird.
Diese sogenannten Bindungsstörungen können sich dadurch
äußern, dass Kinder kein Bindungsverhalten zeigen. Auch
in Bedrohungssituationen wenden sie sich an keine Bezugsperson,
in Trennungssituationen zeigen sie keinen Trennungsprotest.
Klinisches Beispiel: Wenn diesen Kindern durch eine zwangsweise
Einweisung zur stationären Behandlung, etwa in der Kinder-
und Jugendpsychiatrie, gegen ihren Willen Bindungsbeziehungen angeboten
werden, dann versuchen sie oft, diesen Beziehungskontakten und menschlichen
Begegnungen zu entfliehen. Sie laufen erneut davon und suchen wieder
die Einsamkeit und emotionale Isolation.
Gelingt ihnen dieser Ausweg nicht, dauert es oft sehr lange, bis
eine zunächst brüchige Bindung zum therapeutischen Team
oder sogar zu einer Bezugsperson wachsen kann oder sie versuchen
durch suizidale Handlungen den Beziehungs-Nähe-Angeboten zu
entfliehen, wenn eine Flucht wegen verschlossener Türen nicht
mehr möglich ist.
Eine weitere Form ist durch undifferenziertes Bindungsverhalten
gekennzeichnet. Solche Kinder zeigen entweder eine soziale Promiskuität,
das heißt sie zeichnen sich durch undifferenzierte Freundlichkeit
gegenüber fremden Personen aus. Sie suchen in Stresssituationen
zwar Trost, aber ohne eine Bevorzugung einer bestimmten Bindungsperson.
Jeder, der sich in ihrer Nähe findet, kann sie auf den Arm
nehmen und trösten.
Klinisches Beispiel: Häufig haben sie schon in der frühen
Kindheit vielfältige Wechsel zwischen Heimen und Pflegestellen
erlebt, aber es ist ihnen doch gelungen, eine basale Strategie aus
den Bindungsverhaltensweisen zu entwickeln, indem sie sich zumindest
in Bedrohungssituationen an Menschen wenden. Da sie aber keine stabile
Bindungsbeziehung über einen längeren Zeitraum erfahren konnten, sind ihre Beziehungen und die geäußerten
Bindungsbedürfnisse austauschbar, wenig spezifisch, weshalb
man auch von "sozialer Promiskuität" spricht. Im
Gegensatz zu der zuerst beschriebenen Bindungsstörung ist es
aber zu keinem kompletten sozialen Rückzug gekommen. Trotz
großer Stabilität dieser Störung besteht in der
Therapie eine Chance, durch eine längere Konstanz
der Bezugspersonen diesen Kindern eine Bindungserfahrung zu ermöglichen.
Auf Grund dieser emotionalen Neuerfahrung von Verlässlichkeit
in der Beziehung können sie über einen längeren Behandlungszeitraum
von mehreren Jahren auch eine spezifische Bindung an eine Bezugsperson
aufbauen.
Andere Kinder neigen zu einem deutlichen Unfallrisikoverhalten,
das heißt in Gefahrensituationen suchen sie nicht eine sichernde
Bindungsperson auf, sondern begeben sich vielmehr durch zusätzliches
Risikoverhalten in unfallträchtige Situationen.
Klinisches Beispiel: Ein fieberhafter Infekt, ein aufgeschlagenes
Knie reichen noch nicht aus, dass ihre Bindungspersonen sich wirklich
intensiv auf das Bindungsverhalten dieser Kinder emotional einlassen
und etwa mit Schutz und Fürsorge reagieren. Erst wenn lebensbedrohliche
Unfälle passieren, reagieren
diese Eltern und begleiten ihre Kinder in die Klinik zur medizinischen
Versorgung. Die Kinder genießen diese Form der Betreuung,
sind gerne in der Klinik und nehmen alle anderen Umstände,
wie etwa Operationen, in Kauf. Da aber die Fürsorge der Eltern
mit der Entlassung aus der Klinik wieder abnimmt oder die Eltern
dann noch mehr als zuvor beschäftigt sind, vermissen die Kinder
auch die elterliche Fürsorge bald wieder sehr. Nach kurzer
Zeit kann sich durch einen Unfall des Kindes der beschriebene Teufelskreis
wiederholen. Wenn dies von dem medizinischen Personal der Unfallaufnahme
nicht verstanden wird und keine psychotherapeutische Beratung und
auch Behandlung des Kindes und der Eltern auf den Weg kommt, werden
diese Kinder zu Dauerpatienten, manchmal leider auch mit bleibenden
körperlichen Unfallfolgen.
Eine weitere Form der Bindungsstörung drückt sich durch
übermäßiges Klammern aus. Diese Kinder sind nur
in absoluter Nähe ihrer Bezugs- und Bindungsperson wirklich
ruhig und zufrieden. Sie sind aber dadurch in ihrem freien Spiel
und ihrer Erkundung der Umgebung entsprechend eingeschränkt.
Sie wirken insgesamt sehr ängstlich und können sich kaum
von ihrer Bindungsperson trennen. Unvermeidlichen Trennungen setzen
sie massiven Widerstand entgegen und reagieren mit größtem
Stress.
Klinisches Beispiel: Oft ist die Bindungsperson selbst sehr ängstlich
und hat ebenfalls mit Trennungen größere Probleme. Sie
sendet ihrem Kind in Trennungssituationen widersprüchliche
Signale, wie: "Nun geh' endlich, aber verlass' mich bitte nicht!".
Hierdurch wird die Bindungsentwicklung des Kindes behindert, weil
es mit diesem Widerspruch kein eindeutiges sicheres Bindungsmuster
entwickeln konnte. Manchmal ist neben der Beratung der Eltern auch
eine Einzelpsychotherapie der Bindungsperson zu empfehlen, denn
nur wenn die Bindungsperson ihre ängstliche Bindungshaltung
löst, kann sie für ihr Kind eine sichere emotionale Basis
werden. Da die Bindungsperson - etwa die Mutter - unter der emotionalen
Verstrickung mit ihrem Kind und dessen klammernder Anhänglichkeit
auch teilweise leidet, ist der emotionale Druck groß und die
Motivation für eine eigene Therapie oft rasch zu erreichen.
Väter, Großeltern oder andere wichtige weitere Bindungspersonen
außerhalb der Familie - etwa Erzieherinnen, Sportlehrer, Verwandte
- können in der Behandlung sehr hilfreich sein, weil sie für
das Kind eine sichere emotionale Basis werden können, so dass
eine Ablösung des Kindes zur Erkundung der Welt dadurch wesentlich
erleichtert werden kann.
Andere Kinder wiederum sind übermäßig angepasst.
Sie reagieren in Abwesenheit der Bezugsperson weniger ängstlich
als in deren Gegenwart und können in der Obhut von fremden
Personen besser ihre Umwelt erkunden als in Anwesenheit ihrer vertrauten
Bindungs- und Bezugsperson. Besonders Kinder etwa nach körperlicher
Misshandlung und bei Erziehungsstilen mit körperlicher Gewaltanwendung
oder -androhung reagieren auf diese Art und Weise. Klinisches Beispiel:
Die Eltern dieser Kinder sind in der Regel sehr stolz, dass sich
ihre Kinder auch in Bedrohungssituationen so angepasst und "brav"
verhalten. Da sie das Verhalten ihrer Kinder nicht als auffällig
oder als Ausdruck einer emotionalen Störung begreifen, ist
eine Therapiemotivation in der Regel nur über eine längere
vorbereitende Arbeit mit den Eltern zu erreichen. Kommen Kinder
mit dieser Störung durch Adoption in ein emotional sicheres
Familienmilieu und machen neue Beziehungserfahrungen, kann sich
die Symptomatik auch ohne Psychotherapie über einen Zeitraum
von zwei Jahren verändern.
Bei einem weiteren Stil der Bindungsstörung verhalten sich
Kindern oft aggressiv als Form der Bindungs- und Kontaktaufnahme.
Solche Kinder haben zwar eine mehr oder weniger bevorzugte Bindungsperson,
aber sowohl mit dieser als auch mit anderen Menschen nehmen sie
über aggressive Interaktionsformen sowohl körperlicher
als auch verbaler Art Kontakt auf.
Klinisches Beispiel: Außerhalb der Familie, in der oft unter
den Familienmitgliedern ein aggressiver Umgangston vorherrscht,
werden die aggressiven Verhaltensbereitschaften von den anderen
Kindern oder Erwachsenen nicht als ein Versuch der Kontakt- und
Beziehungssuche verstanden, so dass die Kinder im Alltag viel Zurückweisung
erfahren. Dies wiederum stimuliert ihr aggressives Verhalten, so
dass sich ein Teufelskreis entwickelt, der in einer aggressiven
Spirale enden kann. Die ursprünglichen Bindungswünsche
des Kindes werden schließlich nicht mehr gesehen, weil sie
in den aggressiven Verstrickungen des Kindes nicht mehr zum Ausdruck
kommen. Auch in einer Therapie des Kindes ist
zunächst das vorherrschende Kontaktverhalten durch verbale,
manchmal auch körperliche Aggression gekennzeichnet. Oft braucht
es längere Zeit, bis es gelingt, dass das Kind sich beim Therapeuten
emotional versichern kann und sich mit seinen Bindungswünschen
verstanden fühlt. Die aggressiven Verhaltensweisen verlieren
sich auf diese Weise im Laufe der Therapie.
Manchmal ist die Bindungsstörung dadurch gekennzeichnet, dass
es zu einer Rollenumkehr kommt. Diese Kinder müssen dann für
ihre Eltern, die zum Beispiel körperlich erkrankt sind oder
an Depressionen mit Suizidabsichten und Ängsten leiden, als
sichere Basis dienen. Somit können die Kinder ihre Eltern nicht
als Hort der Sicherheit benutzen, vielmehr müssen sie selbst
diesen die notwendige emotionale Sicherheit geben. Dies hat zur
Folge, dass die Ablösungsentwicklung der Kinder gehemmt und
verzögert wird.
Klinisches Beispiel: Diese Kinder können durch eine Einzelspieltherapie
sehr wachsen, da die in der Spielstunde erlebte Beziehung zum Therapeuten
für sie oftmals die einzige Zeit ist, in der jemand offen ist
für ihre Bedürfnisse nach Nähe und emotionaler Sicherheit.
Diese Kinder erleben die Therapie als große Erleichterung,
da ihre alltägliche Beziehungsarbeit mit ihrer Bindungsperson
sie emotional oft überfordert und erschöpft oder mit vielen
Schuldgefühlen zurücklässt, wenn es ihnen trotz aller
Bemühungen doch nicht gelingt, etwa die Mutter davon abzuhalten,
weiter Alkohol zu trinken oder den Vater von seiner Arbeitssucht
zu befreien. Eine erfolgreiche stabile Verbesserung der familiären
Situation und eine Veränderung des Bindungsgefüges zwischen
dem Kind uns seiner Bindungsperson ist aber nur möglich, wenn
auch die Bindungsperson in einer eigenen Therapie an ihren Problemen
arbeitet, mit denen sie ihr Kind alltäglich belastet und überfordert.
Wenn dies gelingt, ist die langfristige Prognose für eine Veränderung
günstig.
Im Rahmen von Bindungsstörungen kommt es manchmal auch zur
Ausbildung von psychosomatischen Störungen mit Schrei-, Schlaf-
und Esssymptomatik im Säuglingsalter, oder auch zu ausgeprägten
psychosomatischen Reaktionen im Kleinkindalter, wie Kopfschmerzen
und Bauchschmerzen, sowie Wachstums- und Gedeihstörungen.
Klinisches Beispiel: Infolge emotionaler und körperlicher
Verwahrlosung und Deprivation kommt es zu einer psychogenen, nicht
durch organische Ursachen bedingten Gedeihstörung und Wachstumsretardierung.
Insbesondere bei emotional vermeidender bis distanzierter Haltung
der Bezugsperson kann es trotz ausreichender körperlicher Versorgung
zu einem Stillstand oder einer Retardierung im Wachstum kommen.
Das klassische Beispiel ist die frühkindliche Deprivation und
der Hospitalismus, wie er von Spitz beschrieben wurde. Es ist von
großer diagnostischer Bedeutung, dass das Phänomen "emotionale
Deprivation" keine auf eine Unterschichtklientel beschränkte
Diagnose ist, sondern vielmehr in allen sozialen Schichten vorkommen
kann.
Kinder reagieren auf emotionale Belastungen noch deutlicher psychosomatisch
als Erwachsene, da ihre Fähigkeiten, intensive Gefühle
auszuhalten und zu verarbeiten sehr gering sind. Sie erleben und
fühlen ganzheitlich mit intensiver Reaktion ihres Körpers.
Wenn die Hauptbezugsperson aufgrund eigener psychischer Überforderung,
etwa auf Grund schwerwiegender sozialer Belastungen, oder eigener
psychischer Erkrankung, wie etwa bei einer Depression nach der Geburt
oder Psychose, überängstlich bis paranoid und in raschem
Wechsel auch inkonsistent mit teilweisem Rückzug und mit fehlender
emotionaler Verfügbarkeit in der Interaktion reagiert, kann
dieses Verhalten zu einer Bindungsstörung führen. Die
emotionale Irritation des Kindes ist sehr groß, weil das mütterliche
Verhalten unvorhersagbar ist. Die Mutter äußert typischerweise
überwiegend ambivalente Gefühle ihrem Kind gegenüber.
Auf dem Boden dieser affektiven Beziehungsspannung kann es zu einer
psychosomatischen Symptombildung kommen, weil die Affekte des Kindes
nicht in der Beziehung mit der Bindungsperson aufgefangen werden.
Dies könnte auch besonders dann der Fall sein, wenn Bindungsbedürfnisse
gegenüber der Bindungsperson unterdrückt werden müssen.
Wenn sich die Eltern etwa bei einem ehemaligen Frühgeborenen
mit einer Essstörung ängstlich angespannt Sorgen um das
Überleben ihres Kindes mache und diesem bei Essverweigerung
mit Liebesentzug oder Trennung in Form einer Krankenhausbehandlung
drohen, kann sich die Eltern-Kind-Beziehung rasch extrem anspannen
und das Symptom rasant verschlechtern. Eine frühzeitige therapeutische
Hilfestellung in Form einer Behandlung der Bindungspersonen in gemeinsamen
Sitzungen mit ihrem Kind (Eltern-Säuglings- und Kleinkind-Psychotherapie)
hat sich als eine erfolgreiche frühe Form der Behandlung etabliert.
Neben Schwierigkeiten in der feinfühligen Verhaltensabstimmung
zwischen Eltern und Kind finden sich oft auch frühe Erlebnisse
der Eltern, wie Verlust- und Trennungserfahrungen, aber auch Traumata
wie Misshandlung und Missbrauch, die eine unbeschwerte und emotional
unbelastete Verhaltensweise der Bindungsperson gegenüber ihrem
Kind erheblich überlagern können. Wenn die Eltern frühzeitig
eine Behandlung suchen und diese etwa vom Kinderarzt auch empfohlen
wird, bevor sich eine Bindungsstörung chronifiziert und die
frühe Kindheit zu einem frustrierenden Leidensweg für
Eltern und Kind wird, entspannt sich die akute Symptomatik oft schon
nach wenigen therapeutischen Sitzungen.
Ist die Ursache allerdings eine tiefgreifende psychische Störung
von Mutter oder Vater, schließt sich notwendigerweise an die
Akutbehandlung eine länger dauernde Therapie der Bezugspersonen
an, die jeweils die Entwicklung und die Veränderungen in der
Eltern-Kind-Beziehung mit berücksichtigt.
Literatur:
Brisch, K. H. (1999). Bindungsstörungen - Von der Bindungstheorie
zur
Therapie. (5. Auflage 2003). Stuttgart: Klett-Cotta, engl. Ausgabe:
(2002)
Treating attachment disorders. From theory to therapy. London, New
York,
Guilford Press; Koreanische Ausgabe (2003), Seoul /Südkorea,
Sigma Press.
Brisch, K. H., Grossmann, K. E., Grossmann, K., & Köhler,
L. (Hrsg.). (2002).
Bindung und seelische Entwicklungswege. Grundlagen, Prävention,
klinische
Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.
Brisch, K. H., & Hellbrügge, T. (Hrsg.). (2003). Bindung
und Trauma. Risiken und
Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern. Stuttgart:
Klett-Cotta.
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