Das Leben mit zwei Kindern
Die (fast) unzensierten Aufzeichnungen einer Anfängermehrfachmutter:
Nach 3 Wochen:
Ich dachte, ich gebe euch mal einen vorläufigen Zwischenbericht, wie´s uns so
geht. Wobei ich mir natürlich bewusst bin, dass sich das noch wöchentlich - ach,
was sag ich: täglich - ändern kann.
Meine Befürchtung war ja, dass ich mein 100%-iges Kinderlieb-Potenzial nicht so
einfach verdoppeln kann, so dass entweder Carl plötzlich Abstriche machen muss
oder Petra von Anfang an zu kurz kommt. Zur Beruhigung all jener, die jetzt mit
dem zweiten Kind schwanger sind: Es geht!
Wobei es mir beide Kinder auch extrem leicht machen, im Moment: Petra bereitet
mir außer mit kleinen Verdauungsproblemen keinerlei Sorgen und Carl ist ihr
*noch* sehr zugetan. Wenn ich ihren Po föhne, rennt er sofort zu uns ins Bad und
hält ihre Hand, "damit sie keine Angst haben muss". Er küsst und knuddelt
sie, wann immer es geht. Sobald sie weint, will er, dass ich sofort zu ihr gehe.
Gestern Abend brachte ich ihn ins Bett, und er hat noch ewig erzählt. Bis ich
meinte, "Carl, könntest du langsam mal einschlafen, ich muss Petra noch wickeln,
sonst wird ihr Po rot" - daraufhin schickte er mich sofort raus, meinte, er
könne auch ohne mich einschlafen, ich solle zu ihr. Ich gab ihm noch ein
Küsschen – fertig!
Ich denke, in unserem Fall hilft es wahnsinnig, dass ich beide stille. Ich hätte
nie gedacht, dass ich dafür so dankbar sein werde. Mal davon abgesehen, dass der
Milcheinschuss bei mir wieder mit Betonbrüsten einherging und Carl mich quasi
"rettete" vor Schmerzen und Milchstau - es ist einfach schön, mit ihm noch diese
Vertrautheit zu haben. Und Petra lässt uns Gott sei Dank Zeit dafür. Carl stillt
jetzt tagsüber etwas öfter, nachts eigentlich unverändert 0-1-2 mal.
Abgesehen von kleineren emotionalen Durchhängern, wenn er aus scheinbar
unerklärlichen Gründen weinen muss oder extrem anhänglich ist, verkraftet er die
Veränderung also *noch* sehr gut. Und gerade dann ist Stillen Gold wert. Ich
glaube, Carl ist noch nicht klar, dass Petra der Grund für solche Durchhänger
sein könnte, denn er ist auch in diesen Momenten noch sehr lieb zu ihr.
Diverse Warnungen hab ich im Hinterkopf, mögliche Schwierigkeiten mit dem
Tandemstillen sind mir auch immer bewusst, Eifersuchtsattacken erwarte ich in
einigen Wochen spätestens - aber noch ist alles sehr entspannt und ich hoffe, es
kann dabei bleiben, ohne größere Dramen.
Ach so, und mein Mann, der beim Anblick von "schreienden, furzenden und
unkooperativen Würmchen" bis kurz vor Petras Geburt immer meinte, die "sollten
erst mal noch 2 Jahre reifen", verbringt Tage damit, unser rothaariges, fettes
kleines Mädchen zu knuddeln, sagt ständig verklärt: „Gott, ist die süß“,
schimpft mich, wenn ich über ihr Doppelkinn lästere und spaziert mit ihr
hingebungsvoll durch die Wohnung, bis der letzte Rülpser raus ist!
Doch ja, das Leben kann so bleiben!!!
Nach ca. 6 Wochen:
Hallo ihr, ich dachte ich sollte meinen Bericht von vor ein paar Wochen
aktualisieren. Diesmal mit der ausdrücklichen Aufforderung an die zum zweiten
Mal Schwangeren ihn NICHT zu lesen ;-)
Carl nervt. Er ist wirklich schwer zu verkraften. Ich versuche mich zu erinnern,
ob er schon vor Petra solche Phasen hatte, und JA!, hatte er bestimmt. Aber im
Moment kann ich´s nicht gebrauchen und alle weise Theorie erscheint mir wie
Hohn.
Dass er Durchhänger hat, zum Teil unerträglich anhänglich ist, gerne mal
sabbernd durch die Wohnung läuft und auf Möbel und Fußboden spuckt, weil das
Baby ja auch spuckt - geschenkt.
Mit alledem hab ich ja gerechnet. Was mich so irre nervt, ist, dass ich echt
sooooo voller Verständnis für ihn bin, dass er von mir alle Liebe und Zeit der
Welt bekommt, die ich aufbringen kann, dass ich ihm Kuschel- und Stillpausen
"gewähre" - viel öfter als je zuvor - und er ist dennoch so undankbar (Ich weiß,
das ist ein dummes Wort und ein falsches Denken von mir, aber so empfinde ich es
nun mal).
Er verweigert so gut wie jede normale Nahrungsaufnahme zur Zeit und ist
natürlich entsprechend heiß aufs Stillen, aber ich hab da mein Limit, ich kann
es nicht leiden, wenn er ständig an mir hängt, zumal es da ja noch jemand anders
gibt... (die aber so was von zurückhaltend, geduldig und leise ist, dass ich es
nicht glauben würde, dass es solche Babys gibt, wenn es nicht hier liegen würde)
Er stillt wohl nicht exzessiv viel (im Vergleich dazu, dass es ja Kinder gibt,
die älter sind als er und auch ohne Geschwisterchen noch öfter wollen), aber die
Art wie er es einfordert, macht mich ganz aggressiv. Meist genau im falschen
Moment, genau in der falschen Tiefschlafphase meinerseits, gerade, wenn ich
Petra gestillt habe, usw ... und er wird schnell total hysterisch. Wirklich
unangenehm, laut, bewusst nervtötend (Er macht manchmal in diesem widerlichen
Ton weiter, selbst wenn er schon gar nicht mehr weiß, was er eigentlich wollte).
Ich stoße echt an meine Grenzen der Geduld und bin einige Male kurz davor, ihn
zu schütteln oder sonst wie hart anzufassen, weil er mich in dem Moment so nervt
und weil ich mir sicher bin, dass er es nur tut, um mich zu nerven, obwohl er es
eigentlich besser wüsste (ja, ja, natürlich ist das nicht so, das weiß ich
selber, aber ich EMPFINDE es wirklich so).
Heute hab ich ihn während so einer Rotz-und-Wasser-sabber-schrei-Attacke ins Bad
gesetzt und die Tür hinter mir zu gemacht, stiller Stuhl lässt grüßen.
Ich hab jetzt nicht Zeit und Ruhe, das länger breit zu treten. Die "Schuld" an
diversen Durchhängern Carls kann ich mir bei klarem Kopf leicht selbst
zuschreiben. Mir fehlt einfach die Energie, ihm 100% Begeisterung vorzugaukeln,
wenn wir zum x-ten mal irgendwas tödlich Langweiliges spielen sollen oder
anschauen sollen. Ich denke dann zwar: „Was willst du denn noch, ich spiele doch
mit dir?!“ - Aber er merkt wohl, dass ich nicht ganz bei der Sache bin.
Und das Problem mit dem Stillen ist einfach, dass ich diejenige sein will, die
sagt, wann es OK ist und dass ich auch nicht auf Kommando die Brust auspacken
will, nur um hysterisches Geschrei zu vermeiden. Da bin ich dann auch stur. Ich
mag ihn auch nicht stillen, wenn ich gerade noch so voller Groll gegen ihn bin.
Ich weiß nicht, ob ich da über meinen Schatten springen müsste, denn viel
Geschrei ließe sich vermeiden, wenn ich immer brav ja sagen würde - aber das
kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein!
Es ist natürlich auch der falsche Zeitpunkt, von Carl zu erwarten, dass er
vernünftig und geduldig wird. Es ist eh bewundernswert, wie lieb er immer noch
zu seiner Schwester ist...
Kommt Zeit, kommt Rat? Vielleicht ist es auch einfach nur so, dass ich nach
einem ziemlich schnellen Start jetzt zum ersten Mal wirklich müde bin. Carl hat
- NATÜRLICH - zeitgleich mit Petras Geburt den Mittagsschlaf abgeschafft,
Weihnachtspause ist vorbei, mein Mann geht wieder ganz normal arbeiten und ich
bin irgendwie zu matt für alles.
Ich hoffe, mein nächstes Update ist etwas positiver!
Molly
P.S.
Meine Gedanken und Gefühle Carl gegenüber in solchen Momenten der
Überforderung lassen mich erschaudern, wenn ich mir bewusst mache, dass bei mir
zumindest in der Theorie eine wahnsinnig reflektierte Grundhaltung da ist. Doch
selbst die hindert mich nicht daran, instinktiv “klapsen“ zu wollen oder dumme
Sätze zu sagen / zu denken (Carl, du bist wirklich alt genug..., wie oft soll
ich dir noch sagen..., hast du immer noch nicht kapiert...., du weißt doch
genau, dass... wenn ich dich noch EINMAL ermahnen muss, dann aber... schau dir
deine Schwester an, die ist viel vernünftiger und braver..., usw...)
HILFE!!!!!!!!!!! ich will gar nicht wissen, was unter den Dächern der Welt
abgeht!
Nach etwa 3 Monaten:
Eigentlich wollte ich Entwarnung geben. Wir haben wirklich unseren Rhythmus
gefunden, Routine in den Alltag gebracht und uns zum eingespielten Team
entwickelt. Am Anfang stand mir ja unter anderem die Witterung im Weg. Es nervt
einfach wahnsinnig, wenn vom Beschluss, spazieren zu gehen bis zum Verlassen des
Hauses 45-55 Minuten vergehen, da die Kinder dann im steten Wechsel Windeln
füllen, sich von oben bis unten voll spucken, unbedingt sofort stillen müssen
oder einfach nur quer im Korridor liegen und den Fuß nicht in den Stiefel
zwängen lassen wollen, während ich fast schon einen Hitzekoller kriege. Und das,
wenn ich zu diesem Zeitpunkt eh keinen Bock auf spazieren habe, sondern nur
gehe, weil frische Luft ja so toll und wichtig für die Kleinen sein soll!
Aber wie gesagt: Routine hilft, das Wetter wird auch immer milder, Carl weiß
ungefähr, wie ein Tag abläuft, wann ich Zeit für ihn habe, wann er sich alleine
beschäftigen muss. Wir haben immer eine Stunde Mittagspause, und selbst wenn
Carl mal zu dieser Zeit nicht schlafen will, spielt er doch still in seinem
Zimmer neben der Couch, auf der ich mich ausruhe.
Somit denke ich auch, dass in unserem Fall gar nicht mal so sehr die
Konkurrenz mit dem Geschwisterchen zu meinen beschriebenen Problemen geführt
hat, sondern einfach meine anfängliche Unfähigkeit, Carl bei Laune zu halten
sowie unsere Anlaufschwierigkeiten. Petra hatte natürlich ziemlich viel damit zu
tun. Aber ich glaube nicht, dass Carl glücklicher gewesen wäre, wenn er NUR mit
mir zusammen etwas hätte unternehmen können. Für ihn schien es von Anfang an OK
zu sein, dass wir zu dritt auf der Krabbeldecke sind, oder dass Petra im
Tragetuch mitkommt, wenn wir auf den Spielplatz gehen. MIR fehlte dafür nur die
Energie, ich fuhr Minimalbespaßungsprogramm - und da wäre Carl auch vor Petras
Zeiten ausgeflippt.
So weit meine Analyse der anfänglichen Probleme.
Seit einigen Tagen haben wir jetzt eine neue Dimension ;-)>/p>
Er ist jetzt definitiv eifersüchtig. Zwar immer noch lieb zu seiner
Schwester, aber es fallen ab und zu so Sätze wie: „Nein, Petra soll nicht
kommen! Lass sie hier“. Er braucht regelmäßig Kuschelpausen mit mir, will
einfach nur auf meinem Schoß sitzen und den Kopf an meine Schulter lehnen. Wacht
immer wieder mal weinend auf in der Nacht.
Gestern saß er im Wohnzimmer auf dem Boden mit einem Spielzeugfrosch und
erzählte ihm: „Wir wollen dich hier nicht. Weißt du, du bist zu groß für unser
Haus (der Frosch ist total klein!!!). Wir wollen hier nur Kleine!“ ?!?!?! Wie
kommt er auf so einen Schrott????
Mal schauen, was daraus noch wird...
Molly
Nach etwa 1,5 Jahren:
Wo fange ich am besten an? Im Moment ist es sehr harmonisch, sehr ruhig. Die
Kinder vertragen sich gut und ich genieße die selbstherrlichen Augenblicke, in
denen ich mir auf die Schulter klopfe und denke: Toll hast du das alles gemacht.
Ganz so traumhaft war und ist es nicht immer, doch es fällt mir leichter, die
schweren Momente aus der Distanz Revue passieren zu lassen, wenn ich nicht
gerade vollständig von ihnen vereinnahmt werde.
So lange ich nur ein Kind hatte, war es leicht, weise theoretische Konzepte in
die Praxis umzusetzen. Natürlich gab es auch da Herausforderungen und Momente
der Unsicherheit und Überforderung. Aber am Ende eines schweren Tages gelang mir
die Fehleranalyse meist recht gut und ich konnte klare Maßnahmen erwägen, wie
alles besser laufen könnte.
Zwei Kinder zeigten mir ganz deutlich die Grenzen meiner theoretischen
Überlegungen auf und auch die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Für mich gibt
es mittlerweile zwei große Themenkomplexe, denen ich nicht mehr ohne eine
Kettenreaktion an Gefühlen und skeptischen Fragen im Hinterkopf entgegentreten
kann. Das eine ist ein relativ kurzer Abstand zwischen zwei Kindern (sagen wir,
alles, was so unter 2-2,5 Jahre liegt), das andere sind bestimmte Tageszeiten im
Alltag mit mehreren Kindern die alle Probleme noch einmal komprimieren können,
z.B. der Abend oder das mittägliche Zusammentreffen der Familienmitglieder, die
aus dem Kindergarten, von der Tagesmutter und von der Arbeit nach Hause kommen.
Beides sind Themenkomplexe, zu denen meiner Erfahrung nach meist wenig gesagt
wird und die auch unter Eltern selten thematisiert werden.
Altersabstand
Der relativ kurze Abstand zwischen zwei Kindern führt dazu, dass das ältere Kind
plötzlich in eine Position gedrängt wird, in der vernünftige Kooperation von ihm
eingefordert wird, obgleich es altersmäßig noch nicht unbedingt reif dafür ist.
Die meisten Eltern geraten spätestens 1,5 Jahre nach der Geburt des ersten
Kindes zunehmend in Erklärungsdruck, ob und wann sie denn „endlich“ ein zweites
wollten. Sogar kinderlose Bekannte scheuen sich nicht, mit derartigen Fragen
aufzukreuzen, wobei sie selbst den Gedanken an ein einziges Kind noch weit von
sich weisen. Es ist ziemlich normal, Kinder mit einem Altersabstand von etwa
zwei Jahren zu haben und in Gesprächen mit anderen Eltern bekommt man maximal
ein schwammiges „Na ja, die erste Zeit war schon schwierig...“ zu hören. Keiner
sagt: Es war der absolute Horror, ein Gefühl ständiger Unzulänglichkeit und
Erschöpfung. Ich wurde keinem der beiden Kinder gerecht, lernte mein
Erstgeborenes zu hassen und hasste mich selbst dafür, war von den Bedürfnissen
des Kleinen überfordert und hatte keinen ruhigen Moment für mich selbst, ohne
dass um mich herum Chaos ausbrach und ich schlechtes Gewissen hatte.
Und auch ich möchte ein derartiges Resümee relativieren: Nein, es war wirklich
kein Dauerhorror und ich habe nicht monatelang gelitten und meine Kinder
gehasst. Aber die Tiefpunkte waren schmerzhaft und anstrengend und man - besser
gesagt ich - fühlte mich wirklich allein und litt unter einer Art
Kontrollverlust. Ich sage das jetzt alles bewusst hart und krass und härter, als
ich es im Moment rückblickend empfinde, weil ich weiß, dass ich es immer wieder,
wenn auch nur für kurze Zeit, damals so empfand.
Das Problem war in unserem Fall nie Petra, sie lief eigentlich nebenher,
schlummerte im Tragetuch oder erkundete die Welt um sich herum selbstständig und
souverän, sobald sie mobiler wurde. Das Problem war Carl, der nie eifersüchtig
schien oder Aggressionen gegen seine Schwester an den Tag legte, aber 110%ige
Aufmerksamkeit einforderte und sehr leicht den Boden unter den Füßen verlor. Und
das Problem war ich, die manchmal schlicht zu müde war, diese Aufmerksamkeit zu
geben und dann statt einer bewussten Auszeit für mich (die nicht immer
organisierbar ist, da willige Babysitter selten zur richtigen Zeit spontan an
der Tür klingeln), halbherzig und angenervt die Kinder „semi-ignorierte“ und
mich dann wunderte, warum alles in Chaos mündete.
Kein Erziehungsratgeber, der mir in die Hände geraten war, schrieb jemals von
Situationen, wie ich sie erlebte. Die Fallbeispiele dort waren immer sehr
durchdacht, beinhalteten nur einen Problemkern auf einmal und mündeten natürlich
nach der korrekten Anwendung eines genialen Erziehungstipps in wunderbar
vernünftiges Kleinkindverhalten. Meine Probleme begannen damit, dass ich nicht
einmal erkennen konnte, wo mir die Situationen entgleist waren, wo ich mein
Verhalten hätte modifizieren können oder müssen. Ich versuchte z.B. müde und vom
Tag gestresst, Abendessen zu kochen und den Tisch zu decken, während Petra just
in diesem Moment gestillt werden wollte, was ich hinauszögerte, damit ich
wenigstens eine Arbeit halbwegs zu Ende bekäme. Was sie natürlich mit
quengeligem Verhalten quittierte. In diesem Moment hoffte ich vielleicht auf die
Zusammenarbeit mit meinem schon (oder erst?) dreijährigen Sohn, der wirklich
gerne Tisch deckt und auch gut darin ist. Trotz mehrmaligen Bittens keine
Reaktion. Kein Interesse. Dann aber trotz wiederholter Warnung, nicht die
schwere, randvoll gefüllte Schüssel mit irgendeinem flüssigen Inhalt zu nehmen,
ergreift er natürlich genau diese in einem unbeachteten Moment und – klirr –
lässt sie natürlich so fallen, dass nicht nur die Schüssel zu Bruch geht,
sondern sich möglichst auch der Inhalt über irgendetwas ergießt, was schwer bis
unmöglich zu reinigen ist. Hier gelingt es der reflektierten Mutter vielleicht
noch mit einem liebevollen „Ups!“ zu reagieren und das Schlamassel zu
beseitigen. Ja, noch ist sie stolz auf sich, weil sie dem Kind keine böse
Absicht unterstellt. Wenn der Junge aber dann während der Aufwischaktion
beginnt, der kleinen, immer noch hungrigen, immer noch quengeligen Schwester
gezielt all die Gegenstände aus der Hand zu nehmen, mit denen sie einigermaßen
zufrieden gewesen wäre und wenn er dann auf das zugegeben genervte Ermahnen mit
„Dann spucke ich eben alle Möbel an“ reagiert, während im Hintergrund das
Abendessen anbrennt oder überkocht – dann fällt meiner Meinung nach der
liebevollsten und reflektiertesten Mutter nichts Intelligentes mehr ein und ich
möchte wirklich diejenige sehen, die – im mildesten Fall - nicht das
Geschirrtuch in die Ecke donnert und die Kinder anschreit oder sonst wie
ausflippt.
Klar, eine Fehleranalyse ist möglich.
- hätte das Baby sofort gestillt werden können = ein Stressfaktor weniger.
- hätte die Schüssel so platziert werden können, dass sie nicht in der
Reichweite des Kleinkindes ist.
- hätte das Abendessen in aller Ruhe zu einem anderen Zeitpunkt
(Mittagsschlaf eines Kindes?) zubereitet werden können.
- hätte sich die Mutter nach Erkenntnis des Stresspotenzials einfach mit
beiden Kindern aufs Sofa kuscheln können.
- hätte die Mutter jeglichen Anspruch an korrekte, ordentliche
Haushaltsführung hinter die Bedürfnisse der Kinder stellen können.
Aber trotz der theoretischen Kenntnis einer Vielzahl von schlauen
Überlebenstipps erwies sich der Alltag bei uns manchmal als Eiertanz. Es ist ja
nicht nur unrealistischer hausfraulicher Ehrgeiz, der einen dazu nötigt, gewisse
Dinge zu erledigen. Manchmal war es schlicht das Bedürfnis einer erwachsenen
Frau ihr Leben noch einigermaßen selbst bestimmen zu können und zumindest in
kleinen Bereichen im Griff zu haben.
Es ist auch nicht so, als wäre das niemals gelungen. Doch doch, es gab gute
Phasen. Aber leider eben auch genügend Momente, auf die ich nicht stolz bin. Ich
weiß übrigens nicht, woran es liegen könnte, dass es im vergangenen Jahr
wirklich immer diese Tage waren, an denen ich unangekündigten Besuch von Leuten
bekam, denen ich nicht dieses Bild von Mutterschaft vermitteln wollte. Die dann
wohl innerlich die Augen verdrehten und sich zuhause eine doppelte Dosis der
Antibabypille einwarfen.
Was mich in diesem Zusammenhang auch immer wieder erschreckte, war, dass ich
trotz besseren Wissens meinem Sohn immer wieder gezielte Bosheit unterstellte.
Ich war mir sicher, dass sein Tun von dem Vorhaben motiviert war, mir zu
schaden, mich zu ärgern, mein Leben schwer zu machen. Meist gelang es mir schon
am Abend des jeweiligen Tages die Situationen in einem anderen Licht zu sehen
und spätestens, wenn beide Kinder friedlich ins Bett gekuschelt schliefen,
verstand ich ohnehin nicht mehr, warum ich mich davor so aufgeregt hatte.
Wie auch immer: Ich bin oft explodiert. Ich habe auch bemerkt, dass ich in
derartigen Situationen die Reaktionen, die ich aus meiner Kindheit kenne, wider
besseren Wissens wiederholte. Mir kamen Sätze in den Sinn, die ich so nie sagen
wollte und manchmal gelang es mir nur unter äußerster Anstrengung (und Verlassen
des Schauplatzes) nicht handgreiflich zu werden, meine Machtlosigkeit in einer
bestimmten Situation, die ich nicht akzeptieren konnte, nicht durch einen Klaps
auf den Po zu kaschieren.
Worauf ich trotz alledem relativ stolz bin, ist, dass ich diese Situationen der
Überforderung zumindest nachträglich mit meinem Sohn besprochen habe. Es ist mir
gelungen, nicht ihm den Vorwurf zu machen, böse zu sein, sondern ihm zu
erklären, dass ich diejenige bin, die sich falsch verhalten hat, die übermüdet
ist, die sauer ist, die schlecht gelaunt und erschöpft ist und deshalb so
ungeduldig reagiert und geschrieen hat. Außerdem haben wir uns gemeinsam eine „De-eskalationsstrategie“
überlegt: Immer, wenn uns Konflikte zu entgleisen drohen, wenn wir anfangen, uns
gegenseitig anzugiften und die Luft nach Aggression riecht, kann einer von
beiden sagen: „Sollen wir uns einfach wieder vertragen?“ Der Vorschlag kam
übrigens von ihm :-). Das klingt platt und lächerlich simpel, ist aber in der
Anwendung höchst effektiv und hat mir immer wieder gezeigt, dass viele Konflikte
eigentlich nur Kettenreaktionen und Selbstläufer sind. Mit unserer Zauberformel
haben wir das schon oft gestoppt und waren nach dem Aussprechen beide dankbar,
dass sie dem anderen gerade noch rechtzeitig eingefallen ist. Meist enden diese
Konflikte dann mit einer Umarmung (Klingt jetzt fast so kitschig, als wäre es
aus einem der uneffektiven Erziehungsratgeber...).
Ich plädiere mit meinen Ausführungen übrigens nicht für einen
Mindestaltersabstand von sechs Jahren. Im Gegenteil: Ich halte den Altersabstand
zwischen meinen beiden Kindern immer noch für recht ideal und würde ihn wieder
so wählen. Ich denke nur, dass ich mittlerweile einige Dinge anders machen
würde:
- Ich würde viel öfter Hilfe holen. Seien es andere Mütter zum Kaffeeklatsch
oder Großmütter zum Spazierengehen. Es kann einfach nicht von der Natur so
gedacht sein, dass eine Mutter sich allein um mehrere kleine Kinder mit solch
unterschiedlichen Bedürfnissen kümmert. Auf Dauer geht das meiner Meinung nach
auf die Kosten von mindestens einem der Beteiligten.
- Ich würde versuchen, noch bewusster im Blick zu behalten, dass das große Kind
nicht wirklich „groß“ ist, sondern immer noch ein Kleinkind, dem ich
irrationales Verhalten zugestehen kann, selbst wenn es zum ungünstigsten
Zeitpunkt aus ihm herausbricht.
- Ich habe gelernt, dass das Vorhaben, eine Arbeit mit quengelnden,
unglücklichen Kindern im Hintergrund zu Ende zu führen, von Anfang an zum
Scheitern verurteilt ist. Der Genuss beim Anblick einer blitzeblanken Küche wird
durch Dauergezeter im Wohnzimmer dermaßen getrübt, dass ich lieber gleich darauf
verzichte. Und ein Abendessen, das erst eine halbe Stunde später fertig ist,
kann immer noch gegessen werden. Im Regelfall sogar eher, als eines, dass zwar
pünktlich auf dem Tisch steht, aber kalt wird, da beide Elternteile mit dem
Trösten von jeweils einem Kind beschäftigt sind und selbst schon am Rande ihrer
Geduld angelangt sind.
Krisenanfällige Tageszeiten
Und damit komme ich zum anderen Themenkomplex, den ich in völlig neuem Licht
sehe: Bestimmte Tageszeiten haben ein solch unermessliches Konfliktpotenzial,
dass ich mich mittlerweile wirklich wundere, dass davor nicht öffentlich gewarnt
wird. Oder ist es wirklich nur bei uns zuhause so, dass z.B. die Abende eine
durchdachte und perfekte Choreographie erfordern – oder zumindest eine Regie,
die man sich nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln kann? Der Abend ist bei
uns jeden Tag von neuem eine Herausforderung. Etwa zwischen sechs und halb
sieben zeigen sich bei den Kindern plötzlich Müdigkeitserscheinungen und / oder
Hungeranzeichen, gepaart mit Streitlust und Unternehmungsdrang. Natürlich jeden
Tag in einer anderen Reihenfolge und Kombination. Alles Dinge, die irgendwie die
Begleitung durch mindestens einen Erziehungsberechtigten erfordern. Mindestens
einer hat aber zeitgleich meist irgendetwas anders zu tun, z.B. Abendessen
zubereiten (als Abhilfe gegen die Hungerattacken). Im Idealfall ist noch ein
zweiter Elternteil anwesend, im Regelfall steckt er irgendwo auf der Autobahn im
Stau (der Glückliche!). Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass ich auch diese
Situationen irgendwie meistere, aber es war ein langer Übungsprozess mit
etlichen Fehlschlägen. Das ideale Timing zwischen Nahrungszufuhr, Spiel und
Routinepflichterfüllung zu finden, halte ich wirklich für eine Kunst. Erst das
Gespräch mit einer anderen Mutter auf dem Spielplatz, die diesen Abendhorror
sehr gut nachvollziehen konnte, hat mich ermutigt, das hier zu erwähnen. Bis
dahin dachte ich ja echt, das wäre nur bei uns so.
Meiner Meinung nach sollte man Familien, die ein zweites Kind bekommen, nicht in
erster Linie vor potenzieller Eifersucht zwischen den Kindern warnen. Mir liegt
als erstes immer die Frage auf den Lippen: „Und, wie wollt ihr eure Abendroutine
organisieren? Habt ihr euch da schon Gedanken gemacht?“
Im Moment ist alles rosig, was unter anderem daran liegt, dass ich gerade Urlaub
habe und durch das Wegfallen eines Aufgabengebietes plötzlich Unmengen an Geduld
und Energie für die verbleibenden habe (Mehr als ich damals hatte, als ich noch
gar nicht arbeiten ging!). Auch ist mein Sohn natürlich älter und außerdem sind
wir konflikterprobt. Was mir besonders das Herz erwärmt, ist die Tatsache, dass
meine beiden Kinder immer mehr miteinander spielen können und wirklich Freunde
sind. Nach anfänglich übertriebenem Einschreiten meinerseits (Löwenmutter
versucht ihr Baby vor dem größeren Kind zu schützen), lernen sie mittlerweile
auch, Dinge selbst auszuhandeln. Kürzlich war ich am Telefon, als ich hörte, wie
sie anfingen zu streiten. Ich konnte nicht sofort hin und innerhalb von weniger
als einer Minute war der Streit beigelegt, mein Sohn hatte eine Lösung gefunden,
seine Schwester getröstet und sie spielten friedlich. Doch ja, im Moment ist es
so, dass hier jederzeit jemand zu Besuch kommen könnte und danach bestimmt die
Pille absetzt :-).
Molly