Mein Alexander, ein
kompetentes Kind
Im
April 2003 habe ich wieder angefangen halbtags in meinem Beruf zu arbeiten.
Meine Söhne Alexander und Nikolas werden von 8 Uhr bis 14 Uhr gemeinsam in einer
Familiengruppe (altersgemischte Gruppe) im Kindergarten betreut. Alles lief
bestens. Doch plötzlich klammerte Alexander ganz fürchterlich beim Verabschieden
morgens im Kindergarten. Er weinte und wollte mit ins Büro. Heute morgen zu
Hause hab ich ihn schon wieder mit den Tränen kämpfen sehen.
ich: Alexander, was ist los?
Alexander schweigt.
ich: magst du nicht mehr in den Kindergarten gehen?
Alexander schüttelt den Kopf.
ich: warum nicht?
Er schweigt. Tränen rollen über seine Wangen.
Ich nehme ihn in den Arm. Er kuschelt sich an mich.
ich: tut mir Leid Alexander, wir sind spät dran. Ich muss zur Arbeit, aber
nachher sprechen wir noch mal, okay?
Alexander löst sich aus der Umarmung und sieht mich an.
Alexander: aber Mama, du darfst doch gar nicht mehr zu deiner Arbeit!
Da ist der Groschen gefallen. Ich bin sehr enttäuscht gewesen, dass ich nach der
Elternzeit in eine andere Abteilung musste und nicht mehr dorthin kam, wo ich
vor der Geburt der Kinder so gerne gearbeitet hatte. Zu Hause habe fürchterlich
geweint im Beisein von Alexander. Ich glaube, so aufgelöst hat er mich überhaupt
noch nicht erlebt. Nach meinem Ausbruch ging es mir wieder besser und ich bin
zur Tageordnung übergegangen. Alexander habe ich nicht weiter erklärt, was das
alles eigentlich sollte. Das ist ein Fehler gewesen! Und zum Glück war ich wach
genug und hab verstanden, was er meinte. Er hat sich Sorgen um mich gemacht,
dass es mir schlecht geht im Büro, die Kollegen doof zu mir sind und mein neuer
Chef auch, und und und. Er fühlte sich verantwortlich für mich, hatte das
Gefühl, ich käme alleine nicht mehr zu recht. Das hat er mir alles in seinen
Worten erzählt, als ich nachhakte.
*sprachlosbin*
Was wird einem im allgemeinen geraten, wenn ein Kind so eine schmerzreiche
Trennungsphase durchlebt:
Das haben alle Kinder immer mal wieder.
Da müssen Kinder durch und Eltern auch.
Das sind Machtkämpfe, Schauspielerei, nix Ernstes.
Du musst loslassen, die Kinder merken das sonst und kochen dich weich.
Etc. pp.!!!
Falls die Kinder gar keine „Einsicht“ zeigen, werden womöglich Konsequenzen (so heißt
ja das neue Modewort für Strafe) angedroht und durchgezogen.
Mir stehen die Haare zu Berge. Da will ein kleines Kind seiner Mutter helfen und
wird doppelt bestraft. Einmal mit Unverständnis und Ungeduld und dann gibt’s
womöglich zu Hause wenigstens eine Auszeit fürs Weinen, bis das Kind kapiert
hat, wenn ich nicht so funktioniere, wie Mama will, werde ich im Leben nicht
mehr froh.
Ich meine, es lohnt sich sehr, herauszufinden, warum verhält sich mein Kind so? Was
will es mir damit sagen? Statt automatisch davon auszugehen, es handele sich um
„Fehlverhalten“, das konsequent mit Konsequenzen bestraft werden muss.
eulalie